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Alle Wege führen nach ... Tel Aviv - Der deutsche Kibbutz
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Alle Wege führen nach … Tel Aviv

Es war zwei Uhr morgens in meinem Zimmer in Deutschland, bei  gemütlichem Schummerlicht war ich fieberhaft am Überlegen. Ich wollte raus aus Deutschland, mal über meinen beschaulichen Kleinstadt- Tellerrand hinwegblicken. Etwas machen. Am besten etwas Hilfreiches und völlig anderes als das was ich mir für die weitere Ausbildung vorgenommen hatte. Stundenlang hatte ich online recherchiert, soziale Projekte gewälzt. In Afrika, im Süden Amerikas, Osteuropa, Asien- alles durch. Und alles nicht zu 101% überzeugend. Doch da lachte mich auf der Karte das kleine Israel an. Und ich wurde ganz aufgeregt – meine Mama auch.
Jetzt sitze ich wieder zu später Stunde in meinem Zimmer. Seit meinem von Neugier getragenen Entschluss hierher zu reisen, ist eine gefühlte Ewigkeit vergangen. Ich lebe nun fünf Monate in Israel und arbeite für die Organisation „Alut“, die für Autisten da ist.
Ich bin eine von erfreulich vielen deutschen Freiwilligendienstlern, die nach der Schule oder zwischen Studium und Berufsalltag die Chance beim Schopfe packen und raus in die Welt fahren, um an Freiwilligenprojekten in etlichen Bereichen mitzuwirken. Als ich hier ankam war ich positiv überrascht, wie viele junge Leute soziales Engagement überall auf der Welt zeigen wollen.
Hier besteht meine Arbeit größtenteils daraus, auf die Autisten, die, wie ich, alle um die 20 Jahre alt sind, aufzupassen, ihnen Hilfestellung bei alltäglichen Aufgaben wie zum Beispiel dem Duschen und ordentlichen Anziehen zu bieten, Konflikte untereinander- die sich meist um Spielgeräte drehen- abzufangen, Lernerfolge zu feiern und mit ihnen die Freizeit zu gestalten. Wir kochen oder backen zusammen, spielen, machen Fahrradtouren, malen und vieles mehr.

Die Arbeit ist manchmal anstrengend- es ist wie einen besonders quirligen Sack Flöhe zu hüten- und bringt mich an die eigenen Grenzen, doch gleichzeitig lerne ich hier in einer Tour Ungeahntes über andere Menschen und mich selbst. Im Rückblick auf die Anfangsphase ist es interessant zu sehen, wie ich mit dem ganzen Neuen umgegangen bin.

Nach einer Phase der kompletten Überforderung und Ratlosigkeit habe ich mich erst etwas zurückgezogen und dann wie wild angefangen, meine Mitmenschen mit Fragen zur Sprache und den Autisten und dem Land zu bombardieren, bis ich das Gefühl hatte, sicher zu sein. Wenn ich mich also hier rein arbeiten konnte, sollte ich das auch nach dem Jahr überall schaffen. Denn inzwischen bin ich gut eingewöhnt und verstehe praktisch alles, was auf der Arbeit gesagt wird, doch gerade am Anfang konnte ich wenig alleine machen, weil mir schlicht die Worte gefehlt haben. Allerdings war das nicht so schlimm, denn die Autisten sind selbst auch nicht die gesprächigsten Kumpanen oder haben ihre ganz eigene Zeichensprache entwickelt, um mit ihrer Umwelt zu kommunizieren. Seit ich das meiste davon verstehe, bin ich auch häufiger mit mehreren allein und weiß, dass sie mir vertrauen. So macht die Arbeit wirklichen Spaß!
Meine drei WG- Kameradinnen bringen natürlich auch viele neue Anreize mit. Nicht nur, dass hier die kulinarischen und sprachlichen Unterschiede der deutschen Herkunftsregion (Köln versus Berlin, sind es nun Eier- oder Pfannkuchen?) aufeinanderprallen, sondern ich merke auch meine eigene Belastbarkeit im engen Wohnen, da wir uns zu zweit Zimmer teilen, was gemessen an Vierer- Zimmern in anderen WGs gar nichts ist, aber doch zusammenschweißt und gleichzeitig zu Konflikten führt. Diese Nähe im Alltag hat mich hier erst mal irritiert, ist man es doch aus Deutschland gewöhnt, dass überall höflich Abstand eingehalten wird, jeder sein eigenes Zimmer hat etc. Kleinigkeiten wie das die Israelis näher zusammen leben oder sich im Gespräch viel öfter berühren, als ich es Zuhause bei entfernt Bekannten beobachtet hätte, zeigen mir eine ungewohnte, enge, doch wie ich finde, schöne Art von Gesellschaft. Eine Frau fasste die israelische Mentalität, die mir hier impulsiv entgegenschlägt, folgendermaßen zusammen: wenig formell bis unangenehm aufdringlich, aber sehr herzenswarm.

Ich war ja erst etwas skeptisch ob der anderen Lautstärke, der intensiveren Farben, der Hitze und der Extravertiertheit der Menschen in den ersten Wochen, doch jetzt hat mich dieses mannigfaltige Land und vor allem diese tolle Stadt, in der ich leben darf, fest im Griff. Als ich in Tel Aviv ankam, war ich erst mal platt. Eine auf mich riesig wirkende Stadt mit ganz anderen Regeln und Gewohnheiten, mit einem verwirrenden Markt, viel zu vielen hohen Gebäuden zwischen denen ich mich mehr als einmal verirrte.

Jetzt kenne ich mich besser aus, versuche möglichst oft in der Landessprache zu kommunizieren, esse überwiegend israelisch (Grundregel: viel Gemüse und mindestens eine Beilage wahlweise aus Sesam oder Kichererbse, dann ist man auf der sicheren Seite) und scheue mich nicht mehr bei neuen Zufallsbekanntschaften. Ich finde es schön, dass man hier mit allen Menschen sofort in freundlichen Kontakt treten kann, sodass ich mich trotz anfänglicher Unsicherheit bzgl. der anderen Kultur schnell aufgehoben und wohlfühlen konnte.

Und von diesen Erfahrungen will ich hier nun allen Neugierigen berichten.

Eure Eliane

Eliane Flugel