Top
Ein ganz normaler ... Sturm - Der deutsche Kibbutz
fade
6031
post-template-default,single,single-post,postid-6031,single-format-image,eltd-core-1.0,flow-ver-1.3,,eltd-smooth-page-transitions,ajax,eltd-grid-1480,eltd-blog-installed,page-template-blog-standard,eltd-header-type2,eltd-sticky-header-on-scroll-up,eltd-default-mobile-header,eltd-sticky-up-mobile-header,eltd-dropdown-default,wpb-js-composer js-comp-ver-4.11.2.1,vc_responsive

Ein ganz normaler … Sturm

Israel ist in heller Aufregung, jeder spricht darüber, Radio, Fernsehen, Internet ist voll davon. Es geht um den Sturm. Oder eher darum, dass er kommen soll. Sollte. Denn eigentlich war er ja schon für vorgestern angesagt, mit starkem Wind, Regen und in Jerusalem mit Schnee. Aber – typisch israelische Zeit, der Sturm lässt sich Zeit. Dafür wird die Aufregung immer größer, man könnte schier den Eindruck haben, dass sich ein Tornado auf das Land zubewegt.

In Jerusalem wird die Bevölkerung aufgerufen, sich mit Essen, Decken und Batterien für Radios und Taschenlampen auszustatten, es werden zusätzliche Unterkünfte eingerichtet und der Bürgermeister Nir Barkat inspiziert höchstpersönlich die Salzmaschinen, 50 Schneeräumfahrzeuge, Traktoren für den ganz schlimmen Schneeeinbruch, und die 400 Tonnen Salz, die an Gemeinden, Schulen und andere Einrichtungen verteilt wurden.

Fast könnte man meinen, dass Israel ein ganz normales Land ist und die Bevölkerung über das Wetter spricht. Aber so sehr ich mich darüber ausschütten könnte, wie man aus ein bisschen Schnee und Wind so eine Böe machen kann – das Lachen bleibt mir irgendwie im Hals stecken. Denn ich erinnere mich noch sehr gut an den Winter vor zwei Jahren. Damals war auch Sturm angekündigt. Und ich habe es nicht ernst genommen, mich über die nicht winterfesten Israelis lustig gemacht und bin nach Jerusalem gefahren.

Ich hätte ja nie gedacht, wie naiv ich wettertechnisch sein kann. Und dass ich dort länger bleiben muss. Es war, ja, dramatisch trifft es am besten. Der zentrale Busbahnhof wurde evakuiert und wir alle aus den Bussen zurück auf die Straße gescheucht, wo sich Bäume und Autos wie wild gewordene Lego-Klötze aufeinander zuschoben, während ein verheerender Wind den Schnee in die Augen peitschte. Die Autobahn nach Tel Aviv wurde gesperrt, kurz drauf gab es in der israelischen Hauptstadt keinen Strom und damit auch keine Heizung mehr. Und kein Internet. Überhaupt kein Internet mehr, nachdem die Batterie für’s Handy und iPad leer war.

Und ich? Ich durfte für drei Nächte bei den Eltern eines Freundes bleiben, die mich aufgenommen haben und mit mir zusammen froren, Decken teilten und mir trockene Klamotten gaben. Nach drei Tagen gab es einen Sonderzug – zu dem ich mit Plastiktüten in den Schuhen und vier Lagen Kleidung zu Fuß knappe zwei Stunden durch den Schnee Richtung Bahnhof marschierte.

Was ich gelernt habe? Israelischer Winter ist nicht zu unterschätzen, selbst wenn man aus Bayern kommt und Schnee gewöhnt ist. Man sollte Batterien zu Hause haben, um das Radio anmachen zu können und zu erfahren, wie die Wetterprognose ist und wann die Straßen freigeräumt werden. Und Kerzen für abends. Außerdem gehen Festnetztelefone und man kann kochen, weil die meisten Herde mit Gas funktionieren.

Der beste Moment war aber, als ich damals Freitagmittag im Supermarkt (die oft Notstromaggreatoren haben) ein frisches Challa Brot kaufen konnte, das ist eine Art Hefezopf. Das war noch warm und diente mir als Handwärmer, als ich durch den Schnee durch das stromfreie und ganz stille Jerusalem gelaufen bin und der Schabbat anfing.

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh