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Wie ich den Schabbat auf Jerusalems Straßen fand - Der deutsche Kibbutz
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Wie ich den Schabbat auf Jerusalems Straßen fand

Wenn es ein Thema gab, das mich in meiner Jugend nicht interessierte, dann war es Religion. Ich war Jüdin, weil meine Eltern Juden waren, aber das Judentum als religiöse Lebensform spielte für mich keine Rolle. Wir lebten in Frankfurt am Main, und als ich zur Schule ging, gab es dort noch keine jüdische Schule. Zwei Mal in der Woche wurde im jüdischen Jugendzentrum im Baumweg Religionsunterricht angeboten, und weil man beim Lehrer Zwie Stern immer eine Eins bekam, nahm ich daran teil und verbesserte meinen Notendurchschnitt. Aber die biblischen Geschichten fand ich albern. In der Schule lernte ich die Evolutionstheorie und dass die Schöpfung sich in einem Zeitraum von Milliarden Jahren entwickelt hatte, im Religionsunterricht behauptete Zwie Stern G“tt hätte sie in sechs Tagen geschaffen. Die Gebote, die er uns beibrachte, wie z.B. am Schabbat ist es verboten Auto zu fahren oder Milch und Fleisch darf man nicht zusammen essen, fand ich geradezu absurd. Mit 14 Jahren hatte ich genug vom Religionsunterricht und sogar die Eins vom Lehrer Zwie Stern konnte mich nicht mehr bewegen, mir diesen Unsinn zweimal in der Woche anzuhören.

1973 gab es infolge der Ölkrise vier autofreie Sonntage. Die leeren Straßen und Autobahnen, auf denen Spaziergänger wanderten, gruben sich in das kollektive Gedächtnis Deutschlands ein.

1979 wanderte ich nach Israel aus und seit 1980 lebe ich in Jerusalem. Hier fand ich in dem ultrareligiösen Stadtteil Mea Shearim den autofreien Schabbat. Die Atmosphäre am Schabbat erinnerte mich an die autofreien Sonntage. Die Straße gehört nicht den Autos, sondern den Fußgängern und dies einmal in der Woche! Die Straßen sind voll mit Menschen, aber keiner spricht in ein Handy. Die Hetze des Alltags weicht der Schabbatruhe und die Feierlichkeit spiegelt sich in den Gesichtern und den Kleidern wieder. Und ich begann mich zu fragen, was ist denn eigentlich dieser Schabbat?

Ganz allmählich lernte ich ihn und seine Kraft kennen. Es ist der Tag der Freiheit, der Tag, an dem sich die gläubigen Juden vom Joch der Arbeit, von der ständigen Erreichbarkeit und ihren Sorgen befreien. Es ist der Tag der Familie, eingebunden in Riten, die sie wie eine Hülle schützen. Es ist der Tag der inneren Einkehr, ungestört von den Medien mit ihren Nachrichten. Erst in Jerusalem begriff ich, was ich in der Religionsstunde beim Lehrer Zwie Stern nicht verstanden habe. Es ist die Tora mit ihren Geboten, die das Volk Israel schützt und es sind die Worte der Propheten, die ihm Kraft geben.

Das Wort des Propheten Jesaja: „Denn von Zion geht die Weisung aus und das Wort G“ttes aus Jerusalem“ ist mein Arbeitsmotto geworden. Ich habe das Schulprojekt „Schabbat-Sonntag-Ruhetag“ konzipiert und bilde in Jerusalem Referenten aus, die ich in deutsche Schulen schicke. Sie lehren den Schabbat und zeigen die Gemeinsamkeiten von Schabbat und Sonntag auf. Prof. Portune, Direktor der Semperschulen in Dresden, schrieb mir: „Schabbat-Sonntag hat gerade in der heutigen Zeit, in der sämtliche Lebensbereiche durch Funktionalität bedroht sind, die Funktion der Auszeit aus diesem scheinbaren Zwang. Ein Tag in der Woche muss herausgesprengt werden aus dem Zwang der Zweckhaftigkeit. Er dient dem Nachdenken und der Menschlichkeit. Dies zu vermitteln ist sehr gut gelungen.“ Gibt es ein schöneres Lob?

(Lehrer, die Interesse an dem Schulprojekt „Schabbat-Sonntag-Ruhetag“ haben, können Informationsmaterial unter der E-Mail Adresse: info@kulturellebegegnungen.org anfordern)

 

Lea Fleischmann