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Eine Wand aus Sand und Hitze - Der deutsche Kibbutz
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Eine Wand aus Sand und Hitze

„Was machen Sie in Israel?“ „Wer hat Ihren Koffer gepackt?“ „Hat irgendjemand Ihnen irgendwas mitgegeben?“ 

Fragen wie diese lassen das Land Israel wie ein großes Mysterium wirken. Was verbirgt sich hinter den Sicherheitsbefragungen und den zahllosen Gepäckkontrollen? Muss ich mir wirklich Chaos und Tumult auf den Straßen vorstellen und jede Woche neue Ausschreitungen erwarten?

Nach mehreren Kontrollen erreichen wir Freiwilligen das Flugzeug und ich lasse mich erschöpft auf meinen Sitz fallen. Schon beim Anflug übermannt mich der Schlaf, der nach 23 Stunden Entzug und einer ausgedehnten Abschiedsparty nur darauf wartete mich in die Welt der Träume zu ziehen…

Für ein ganzes Jahr packen. Eine Aufgabe die mir so unmöglich scheint, denke ich als mein geöffneter blauer Koffer vor mir liegt und ich versuche alles von Wintermäntel über Shorts bis Gummistiefel reinzubekommen. Ich realisiere immer noch nicht, dass mein Zimmer von nun an für ein Jahr nicht bewohnt wird. Ein Jahr Israel – klingt zu absurd um wahr zu sein. Eine wehmütige Stimmung existiert genau so wenig unter Freunden und Familie. „Die wird noch kommen“, denke ich mir, „ sind ja noch ein paar Tage“. Ich gehe mit Freunden aus, esse mit meiner Familie und lebe meine ganz normale Routine. Es fühlt sich noch zu unecht an, um wirklich darüber nachzudenken.

Die Haustür ist geöffnet, die Koffer stehen im Flur, bereit um aufzubrechen. Bin ich es auch? Mir ist immer noch nicht bewusst, dass ich mein zu Hause für ein Jahr nicht sehen werde. Dass mich die vertrauten apricotfarbenen Wände nach einem anstrengenden Tag nicht mehr begrüßen werden und ich mich auf mein Bett fallen lassen kann. Vieles wird einfach anders. Und ich weiß nicht, was mich erwartet.

Das Flugzeug ruckelt. Ich wache verschlafen auf, während ich auf gebrochenem Englisch die Ankündigung unserer baldigen Landung mitbekomme. Mit Blick aus dem Fenster muss ich enttäuscht feststellen, dass wir Freiwilligen nicht mit blauem Himmel begrüßt werden. Es tobt hier seit einigen Tagen ein Sandsturm durch das Land. Alles ist in einem orange-braunen Schleier eingetaucht, was eine eindeutige Sicht unmöglich macht. Auch in meinem Kopf ist es noch nicht ganz klar – Ich bin in Israel und das für ein ganzes Jahr. Die letzten Tage vergingen wie im Flug. Das Vorbereitungsseminar in Berlin mit fast zweihundert neuen Gesichtern und das ungewohnte Gefühl tagelang keine Sekunde für sich zu haben. Und plötzlich ist man Tausende von Kilometern entfernt von seiner gewohnten Umgebung und mitten im Nahen Osten.

Der Flughafen von Tel Aviv lässt den Eindruck nicht erwecken, dass man auf einem komplett anderem Stück Erde ist. Alles scheint so wie in Europa. Geschäfte sowie Fluggäste  – nur sind hier die Sicherheitskontrollen wieder etwas intensiver. Israel ist  letztendlich doch ein besonders Land – das fällt mir in Momenten wie diesen auf. Nach zwei Stunden langem Hin und Her mit Kontrolleuren mit strenger Miene können wir den Flughafen verlassen. Sobald sich die automatischen Schiebetüren öffnen, kommt uns eine Wand aus heißer, dicker Luft entgegen. Im klimatisierten Bus nach Jerusalem ist es ganz ruhig. Alle 2o Freiwilligen sind müde und teilweise seit 23 Stunden wach. Als wir ankommen, ist es schon dunkel aber immerhin kühler als in Tel Aviv. Nach einer kurzen Stärkung im Beit Ben Yehuda laufen wir zusammen, trotz des langen Tages, zur Ha’as Promenade. Trotz der beschränkten Sicht durch den mittlerweile abgeschwächten Sandsturm, ist der Blick beeindruckend. Man kann mit zusammengekniffenen Augen einzelne Merkmale der Stadt, wie den Tempelberg erkennen. Ich bin hier und das für ein Jahr. Langsam begreife ich es, je mehr der Nebel in meinem Kopf verschwindet.

Sally Eshun