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Ignorieren unmöglich - Der deutsche Kibbutz
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Ignorieren unmöglich

Auf den Straßen knallt es. Selbst, wer sich am liebsten von Nachrichten abschotten würde, ist achtsam und wachsam. Politik passiert wieder an der Straßenecke, und nicht mehr im Parlament. Ein ganzes Land hält den Atem an – kommt die dritte Intifada? Ein Jahr nach dem letzten Gaza Krieg fühlt sich das Leben in Israel an wie eine skurrile Kombination aus gezähmter Sorge, Lebenslust und ständigen Nachrichtenupdates.

Im Vorbeigehen höre ich, dass vor dem Einkaufszentrum in Petach Tikwa etwas passiert ist. Was genau? Messerstecherei zwischen Palästinensern und Israelis? Schusswaffen? Explosives? Man weiß es nicht. Das erste Nachrichtenupdate ist nur, DASS etwas passiert ist. Die Gedankenkette ist: Petach Tikwa – wen kenne ich dort. Die Eltern meiner Freundin Talia wohnen da. Ich rufe Talia an. Später ruft sie zurück. Ihre Mutter war zur gleichen Zeit im Einkaufszentrum als der Typ aus Hebron das Messer gezogen hat.

Ein Tag später fordert der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat alle auf, die einen Waffenschein haben, ihre Waffe zu tragen. Im Büro diskutiere ich mit einem Kollegen. Er überlegt, seine Pistole ab jetzt bei sich zu tragen, um im Zweifel Frau und Kind beschützen zu können. Ich sage zaghaft, dass das vielleicht nicht nötig ist. Und denke mir, dass Selbstjustiz mir doch recht fremd ist. Auf der anderen Seite: Im ganzen Land passieren Schießereien, Messerstechereien, Angriffe mit Schraubenziehern. Will ich nicht auch beschützt werden? Es bleibt das flaue Gefühl, dass der Nebenmann/Nebenfrau gefährlich sein kann.

Das ist, vereinfacht gesagt, das Gemeine. Es gibt nicht eine Organisation, eine Institution, ein Feindbild. Der Feind kann auf einmal in Jeans und T-Shirt neben einem stehen. In den letzten vier Tagen waren es über 145 Angriffe – wobei das beide Seiten beinhaltet. Jüdische Extremisten wenden die gleichen Taktiken an wie Palästinenser, seit dem Wochenende fliegt das israelische Militär Ziele in Gaza an, die Hamas spricht von zwei Toten, Israel von strategischen Zielen ohne Tote.

Wie könnte eine dritte Intifada aussehen? Die erste ‚weiße‘ Intifada war sehr anders als die blutrünstige zweite Intifada. Gleich ist, dass man Angst haben muss – und zwar vor seinen Mitmenschen. Dies ist der große Unterschied zum Krieg im vergangenen Sommer –  letztes Jahr war der ‚Angreifer‘ klar ausgemacht: aus Sicht der Bevölkerung kamen die Raketen aus einem Ort, meistens von einer Organisation – was jetzt hier abgeht, ist dezentral – es sind hauptsächlich junge Leute, die keiner Organisation (PLO, Hamas etc.) angeschlossen sind. Wenn ein 16-jähriger so tut, als ob er in die Shopping Mall geht und plötzlich anfängt, auf Menschen einzustechen und dann nicht nur die Polizei schießt, sondern auch bewaffnete ShoppingMall Besucher, dann ziehts mir alles zusammen.

Ich mit meinem shanti-shanti-Energielevel will den Menschen um mich herum in die Augen blicken können und nicht Angst haben, dass in jedem Motorradkoffer, in jedem Rucksack und in jedem Mülleimer etwas explodieren kann. Ich will mir nicht vorstellen, dass ich die Menschen um mich herum mit den Augen abscanne, ob sie vielleicht zu sehr schwitzen oder sich ungewöhnlich verhalten. Heute und gestern wurden die offiziellen Verhaltensempfehlungen des Katastrophen-Einsatz-Kommandos verschickt. Man soll Hilfe rufen, beispielsweise, wenn sich jemand auffällig verhält, viel schwitzt und unangemessen gekleidet ist.

Angefangen hat übrigens alles mit der Diskussion um den Zugang auf den Tempelberg. Politiker versichern, dass der Status Quo gleich bleibt. Nur auf den Straßen hat sich der Status Quo bereits dramatisch verändert.
Eure Jennifer

 

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh