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Jalla Prost! - Der deutsche Kibbutz
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Jalla Prost!

Als sozialisierter Bayer – im Gegensatz zu den wirklich dort Geborenen – ist man ja häufig noch penibler und noch mehr darauf bedacht, Unbayerisches zu enttarnen. Mir beispielsweise sticht jeder Kartoffelsalat mit Majonnaise und nicht mit Gemüsebrühe derart ins Auge, dass ich einen starken Drang verspüre, den falschen Kartoffelsalat-Koch zu bändigen, belehren und zu verbessern. Von der falschen Obazda-Aussprache will ich gar nicht anfangen. Und wer es wagt, Brezn (wohl gemerkt: bloß keine Brezeln) aus einem ‚falschen‘ Teig anzubieten, der ist mein Feind. 20 Jahre Bayern-Erziehung – die bleibt auch in Israel ein Teil von mir.

Nun hat bereits das zweite Bayern-Restaurant in Tel Aviv aufgemacht – das erste ist seit etwa 2,5 Jahren direkt in meiner Nachbarschaft an der Frischman-Straße auf dem Weg zum Strand. Bislang wurde es von mir boykottiert. Obwohl ich jeden Tag daran vorbei laufe und Brezn schlimm vermisse. Der Grund? Ich habe gesehen, wie ein Liter Weißbier in einem Wiesnkrug serviert wurde. Pah. Falsche Bayern. Die Kategorie stand für mich fest. Nun hat aber das Tel Aviver Bayernlokal einen zweiten Stand eröffnet und zwar im Sarona Markt, was an sich ein Qualitätszeichen ist. Insofern wurde es höchste Zeit, mir das ‚Bayern‘ in Tel Aviv mal anzusehen:

Bayerisches braucht keine Fusion

Ich treffe auf Ofer Ben Or, einen gewitzten 29-jährigen Koch, der Obazda, Schweinshaxn und Franziskaner akzentfrei ausspricht – und sonst kein Deutsch versteht. Seine Küche ist bayrisch und ein wenig österreichisch. „Die alten Rezepte, kein Fusion-Zeugs“, sagt Ofer. Er selber hat in Jerusalem Koch an einer Hochschule gelernt, dann zwei Jahre in Paris, zwei Jahre in London und zwei Jahre in Kanada als Koch gearbeitet. Fusion kann er, mag er aber nicht. Am liebsten kocht er Bayerisch, was er von seinem Vater gelernt hat. Ofer macht Kartoffelpüree aus Kartoffeln, Sahne, Butter, Salz und Muskat, brät Käsekrainer an und weiß, wie man ein Jägerschnitzel macht. „Die bayerische Küche ist so gut, die braucht keine neuen Erfindungen“, findet der Sohn eines berühmten israelischen Kochs. Besonders gerne mag er selber seine ‚Spaten Zwiebelsuppe“, die auf der Karte für 34 Shekel (umgerechnet rund acht Euro) steht. Er kocht das Bier zur Essenz für die Suppe. „Dann schmeckt es wie München“, sagt er stolz.

Lustig ist, dass das Jägerschnitzel bei Ofer ‚Schwarzwald‘ Schnitzel heißt. „Die Israelis haben ‚Jäger‘ gelesen und sofort an Jägermeister gedacht, nicht an Sahne und Pilze, daher musste ich es umbenennen“, erzählt er grinsend. Bei aller Tradition ist Ofer Geschäftsmann. Das gilt auch, wenn ein Gast einen Liter Weißbier möchte, dann bekommt er den – im Maßkrug. Gegen besseres Wissen.

Jede Woche werden mehrere 30 Liter Fässer aus München nach Israel geliefert, per Schiff. Dazu die passenden Gläser der Brauereien. Bier und Wüste gehen gut, gerade im Sommer. Wobei Ofers bayerische Würste in Israel gemacht werden, es ist verboten Würste zu importieren. Die Rezepte für Bratwurst, Knackwurst und Käsekrainer hat Ofer selber zusammengestellt. Die Würscht‘ gehen so gut, dass er sie inzwischen auch in seinem Restaurant zum Mitnehmen verkauft, pro Woche 200 Kilo für den heimischen Grill oder Bratpfanne.

Völlig unkoscher.

Ob es schwierig war, einen Hersteller zu finden, der mit Schweinefleisch arbeitet? „Nein, und inzwischen stehen die Produzenten bei mir Schlange, weil es so gut läuft“, erklärt Ofer. Religiöse seien ohnehin nicht seine Zielgruppe und wer gegen das unkoschere Lokal ist, wird mit einem Schulterzucken an die vielen koscheren Restaurants in Tel Aviv verwiesen. „Die meisten kommen ja eben gerade weil es nicht koscher ist“, sagt Ofer. Aus seiner Sicht hat er ohnehin eine Marktnische gefunden und besetzt. „Jetzt gibt es Biergärten in Herzliya, Haifa und wir planen ein weiteres Standbein außerhalb Tel Avivs.“ Vor 2,5 Jahren, als Ofer das Bayern Tel Aviv eröffnete, gab es noch nichts davon. „Die Eröffnung hat mich eine halbe Million Schekel gekostet“, erinnert er sich. Aus eigener Tasche. Man sieht ihm an, dass er stolz ist, kein Fremdgeld angenommen zu haben. Es ist sein Bayern-Baby.

Tel Aviver Oktoberfest Nr. 3

Vom 1. bis 10. Oktober wird das dritte Oktoberfest an der Frischmanstraße stattfinden, mit richtigem Oktoberfestbier, Wiesn-Brezn und Lebkuchenherzen. „Das Bier habe ich bei den Brauereien bereits vor sechs Monaten bestellt, da sind die Deutschen ganz genau. Wer zu spät dran ist, bekommt nichts mehr“, weiß Ofer inzwischen. Jetzt sind 60 Fässer auf dem Weg nach Israel – Spaten, Löwenbräu und Erdinger Weißbier. Es wird Bratwurst in der Semmel geben, Schnitzelburger, Wiesn-Hendl (in Biersoße), Schweinshaxe und bayerische Würste mit Obazda. Die Brezen werden extra in Oktoberfestgröße gebacken, genauso wie eigens angefertigte Lebkuchenherzen. Musikalisch orientiert sich Ofer am Schottenhamel Festzelt. „Deutsche und europäische Schlager, mal sehen, welches der Wiesnhit dieses Jahr wird“, sagt er grinsend. Er selber fliegt zwei Wochen vorher nach München, um vor Ort mitzufeiern. Seine Lederhose hat er schon rausgelegt. An diesem Tag trägt er aber noch ein T-Shirt einer Münchner Brauerei, mit dem Schriftzug ‚Jalla Prost‘ auf dem Rücken. In der Hand ist ein dunkles Spaten, im gekühlten Glas. „Da kann niemand meckern, nicht mal richtige oder zugereiste Bayern“, ruft er und stößt zünftig an.

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh