Top
Templer, Sarona und Liebe durch den Magen - Der deutsche Kibbutz
fade
5942
post-template-default,single,single-post,postid-5942,single-format-image,eltd-core-1.0,flow-ver-1.3,,eltd-smooth-page-transitions,ajax,eltd-grid-1480,eltd-blog-installed,page-template-blog-standard,eltd-header-type2,eltd-sticky-header-on-scroll-up,eltd-default-mobile-header,eltd-sticky-up-mobile-header,eltd-dropdown-default,wpb-js-composer js-comp-ver-4.11.2.1,vc_responsive

Templer, Sarona und Liebe durch den Magen

Glatt könnte man sagen ‚Typisch für Tel Aviv‘ – da ist etwas mit einer langen Geschichte, es wird für Jahre und Jahrzehnte vergessen und mit Stacheldraht abgesperrt. Wiederentdeckt, aufpoliert und voila: Tel Aviv erfindet sich neu. Das ist in Kürze die gesamte Historie des alten Templerviertels, das jetzt wie geleckt dasteht und eine neue Nachbarschaft östlich von der Ibn Gavirol Straße geworden ist.

Abends ist es wirklich außergewöhnlich schön beleuchtet, es ist eine Kulisse für Schlenderer, die sich ein bisschen wie in einem Hollywood-Film vorkommen möchten. Es gibt teure Boutiquen, viele Restaurants, Spielplätze, Eisdielen (wobei das angesichts der Eis-Kunst, die dort zelebriert wird, schon fast abschätzig klingt) und seit diesem Monat auch den Sarona Markt.

Wer trotzdem kurz wissen will, was es mit dem Sarona Viertel auf sich hat, macht einen kurzen Abstecher ins Sarona Museum. Dort kann man (kostenlos) sehen, wie das Gelände vor 140 Jahren aussah, als Templer aus Deutschland sich auf dem sumpfigen Boden niederließen, Häuser bauten, ein Tunnelsystem für Weinfässer-Transport anlegten und eine Kegelbahn obendrauf setzten. Kein Witz – die deutschen Zionisten haben gekegelt, getrunken und das Land gefeiert. Während des Britischen Mandats war Sarona (übrigens gesprochen: Sharona) ein wichtiger Standort, die Landwirtschaft florierte und es wurden weitere Häuser gebaut. Der Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland riss auch die begeisterten Templer mit, so dass die Briten die Templer im September 1939 zu ‚nationalen Feinden‘ erklärten, und nach Deutschland und Australien auswiesen. Die Kolonie wurde kurzerhand zum Gefangenenlager umgewandelt. Nach dem 2. Weltkrieg dienten die Gebäude als Kasernen – und wurden zum Inbegriff des bewaffneten Kampfes gegen die britische Besatzung. 1947 übergaben die Briten das Sarona Gelände dem künftigen Staat Israel. Es wurde mehrfach umbenannt und verfiel, um die Geschichte abzukürzen, in einen Dornröschenschlaf.

Wachgeküsst

Die Wiederbelebung Saronas und die Idee, aus dem verfallenden Gelände ein lebenswertes Viertel zu machen, dauerte Jahre. Beispielsweise wurden fünf Häuser mittels einer Ingenieurs-Meisterleistung im Ganzen versetzt und in Reih und Glied mit den anderen 33 Gebäuden der Templersiedlung gebracht. Seitdem läuft die angrenzende Kaplan-Straße schnurgerade auf die Ibn Gavirol zu. Aber auch innerhalb des Viertels tat sich viel. „Was wir bei der Renovierung in den verlassenen Dachböden fanden, ist irre“, sagt Jeremie Hoffman, Leiter der Konservierungs-Abteilung der Stadt. Von Möbeln, Nazi-Flaggen bis hin zu persönlichen Schätzen. Die Templer haben penibel dokumentiert, wer in den Gebäuden gewohnt hat. „Und so konnten wir die ehemaligen Bewohner kontaktieren, Originalfotos von fast allen Gebäuden bekommen und bei der Renovierung alles so originalgetreu wie möglich halten“, sagt Hoffman stolz.

Friede, Freude, Eierkuchen

Sarona hat sich in den ersten zwölf Monaten entwickelt. Der anfangs sterile Eindruck von einem reinen Kommerzzentrum mit Restaurants und Designern, hat sich aufgelockert. Gerade in den letzten Monaten wird durch viel Musik und open air Kultur geboten. Außerdem sind die Bauarbeiten an den neuen Wohnblöcken mit 660 Wohnungen schon so weit, dass der Lärm nicht mehr alles übertönt.

Die neueste Errungenschaft ist kulinarisch gesehen, mit eine der schönsten Neueröffnungen in diesem Jahr: Der Sarona Markt ist ein 8700 Quadratmeter großer Indoor Markt mit 89 vornehmlich europäischen Läden und offenen Küchen, der sehr an den Borough Market in London, den Chelsea Market in New York oder La Boqueria in Barcelona erinnert. Der Bau hat 530 Millionen Schekel gekostet. Rund 70% der Läden bieten Produkte an, von Kochzubehör über Gewürze, Wein, Obst, Gemüse und Brot. Der Rest sind Restaurants, Sandwich-Shops, Bars und offene Küchen. Pärchen teilen sich eine Portion Humus, Kinder stehen mit großen Augen vor einer Süßigkeitenauslage und Freundinnen stehen vor einem Stand mit frisch gepressten Fruchtsäften. Dazwischen sind viele Soldaten und Soldatinnen, die von der gegenüberliegenden Kirya-Militärbasis kurz zum Mittagessen herübergekommen sind.

Die zionistischen Templer hätten sich gefreut: Sarona ist typisch israelisch: bunt, laut, herzlich und es dreht sich viel um (gutes) Essen.

Foto: Rami Zeringer, Tel Aviv Global City, Tourismusamt

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh