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Kibbutz - vom Ideal zur Realität - Der deutsche Kibbutz
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Kibbutz – vom Ideal zur Realität

Bei Kibbutz denken die meisten wahrscheinlich an eine landwirtschaftliche Kollektivsiedlung in Israel mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen. Die Idee des Kibbutz lässt sich als Sozialismus im ursprünglichen Sinn beschreiben. Jeder gibt, was er kann und bekommt, was er braucht. Die zionistische Komponente hatte zwei Gründe: die in der Diaspora erfahrene Unterdrückung und die Prägung durch die patriarchalische Gesellschaft des osteuropäischen Schtetls. Mit der Einwandung nach Israel sollte eine klassenlose Gesellschaft geschaffen werden, in der alle Mitglieder gleichberechtigt sind und die Gemeinschaft leben.

Der erste Kibbutz Degania wurde 1910 gegründet. Mit der Besiedelung Israels wuchs die Bedeutung der Kibbutzim. Heute gibt es rund 270 Kibbutzim mit bis zu 2.000 Einwohnern. Knapp 2% der Bevölkerung leben heute noch in Kibbutzim. Der Großteil ist säkular, ca. 16 sind religiös. Die wenigsten Kibbutzim leben heutzutage noch alle Ideale von damals. Die meisten haben sich an die geänderten Zeiten angepasst und sich modernisiert. Aber auch in meinem Kibbutz Gan Shmuel, mit einer mittlerweile an der Börse notierten Lebensmittelfabrik für Fruchtkonzentrate und Tomatenprodukte und einer hoch spezialisierten Koi-Karpfen-Zucht wird nach wie vor mit viel Liebe zum Detail die Tradition hochgehalten – was nicht zuletzt jedes Jahr beim Erntedankfest zu beobachten ist. Die alten Kostüme werden ausgepackt, die Tänze wieder geprobt und alle Familien kommen zusammen, um stolz das Kibbutzleben zu präsentieren. Seit Jahren ist das Fernsehen gern gesehener Gast. Gelebte Nostalgie!

Was mich seit meinem ersten Besuch im Kibbutz Gan Shmuel im Jahr 1989 an dieser Lebensform fasziniert, ist die Gemeinschaft, die gelebt wird – mit allen Schwierigkeiten und Konflikten, die sie mit sich bringt. Hier kann man Demokratie und Mitbestimmung in allen noch so kleinen Bereichen des alltäglichen Lebens erfahren. Für alles gibt es eigene Ausschüsse, Gruppen und Vertreter. Wichtige Positionen wie die des Bürgermeisters werden im Zweijahresrhythmus durchrotiert. Unangenehme Arbeiten ebenfalls. Jeder muss mal in der Wäscherei ran etc. Samstags wird der Dienst im Speisesaal von Kibbutzmitgliedern geleistet, die sonst dort arbeitenden Personen haben frei. Einmal im Monat wird man zu solchen Diensten eingeteilt. Speisesaal, Einfahrtstor, Wache an den Kibbutzgrenzen – alles wird gerecht verteilt.

Wann immer ein Großprojekt ansteht, eine Hochzeit gefeiert wird, ein Feiertag begangen werden soll – alle helfen zusammen. Mit Hingabe werden Vorkehrungen getroffen, Speisen vorbereitet, die Location geschmückt und dabei der neueste Klatsch und Tratsch ausgetauscht. Und kaum ist die Feier vorbei – wird ruckzuck alles aufgeräumt. Teamwork.

Klatsch und Tratsch gibt es auch im Speisesaal. Früher gab es hier Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Man traf sich in Gruppen, mit der Familie, Freunden, Klassenkameraden oder zog sich an einen kleinen Tisch zurück und aß in Ruhe. Abendessen ist mittlerweile gestrichen, aber das morgendliche Ritual, sich seinen Salat zu schnibbeln, zu schauen, wer kommt und geht – das ist unbezahlbar und immer wieder mein Highlight, wenn ich zu Besuch komme.

Am beeindruckendsten ist für mich aber der Umgang mit Kindern und Senioren. Für diese beiden Altersgruppen ist der Kibbutz paradiesisch. Für Außenstehende ist der Gedanke, das eigene Kind nachts im Kinderhaus zurückzulassen vielleicht befremdlich. Für die Kinder jedoch Gewohnheit und sicher auch Spaß. Wie ein Einzelkind wächst hier niemand auf. Da ja auch die Wäsche gewaschen und das Essen gekocht wird, können sich die Eltern nach der Arbeit voll auf die Kinder konzentrieren, bis sie dann abends wieder ins Kinderhaus gehen. Ich werde nie vergessen, wie hingebungsvoll Gali auf dem Bauch ihres Vaters Roberto lag und stundenlang von ihm gekrabbelt wurde. Qualitytime nennt man das wohl neudeutsch. Und das war keine Ausnahme, sondern üblich. Welches Kind kann den Luxus genießen, JEDEN Tag ca. 4 Stunden uneingeschränkte Aufmerksamkeit beider Elternteile zu bekommen?

Mittlerweile schlafen die Kinder nachts bei den Eltern. Die anfänglichen Probleme bei der Umstellung sind überwunden und allen geht es gut damit.

Für die Senioren gibt es eine gestaffelte Betreuung. Zunächst Hilfe im Alltag, dann Pflege daheim und zuletzt Pflege im „Haus der Generationen“ wo es eine sensationelle Betreuungsquote von nahezu 1:1 gibt. Jeder bekommt auch in dieser Lebensphase genau das, was er braucht. Oberste Prämisse ist jedoch, die Selbständigkeit so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Im Kibbutz wird niemand mit 65 in Rente geschickt. Jeder darf und kann solange und soviel arbeiten, wie er will. Mein persönliches Lieblingsbild ist Rachel, die mit ihren 92 Jahren noch jeden Tag in die Wäscherei kam und Handtücher zusammenlegte. Ging es ihr gut, blieb sie bis zu 3 Stunden, fühlte sie sich schwach, ging sie nach einer Stunde wieder heim. Sie arbeitete still vor sich hin und strahlte, weil sie noch eine Aufgabe hatte. Wieder andere Senioren arbeiten in der eigenen Holzwerkstatt und stellen Holzspielzeug oder Kinderwägen her – wie Laufställe auf Rädern, deren Boden samt Matratze je nach Kinderalter in der Höhe verstellbar war. Der Anblick, wenn in diesen Wägen 6 Knirpse mit ihren Erzieherinnen durch den Kibbutz geschoben wurden, bringt mich heute noch zum lächeln. Die alten Damen nähten Überzüge für Toaster und Kaffeemaschinen, Topflappen oder andere nützliche Dinge für den Haushalt. Auch hier war Kreativität immer gefragt und das ausgelassene Ratschen während der Arbeit ein Zeichen dafür, dass sich alle pudelwohl fühlen.

Und was ist mit den Leuten zwischen 20 und 60? Diese Frage ist schon weniger einfach zu beantworten. Nach der Armee empfinden einige die Enge des Kibbutz als störend und reisen monatelang durch die Welt. Danach kommen sie überzeugt zurück oder verlassen den Kibbutz. Andere bereuen diese Entscheidung und kommen Jahre später wieder zurück – oft mit Ehepartner und dem ersten Kind. Als Familie lebt es sich im Kibbutz entspannter und sorgenfreier als in den Städten. Das weiß man dann wieder zu schätzen. Nicht zuletzt sind die Kindergärten und Schulen in den Kibbutzim pädagogisch sehr angesehen.

Gab früher der Kibbutz noch vor, was man studieren sollte, so kann heute jeder Kibbutznik frei wählen, welchen Beruf er erlernen möchte. Eine Arbeit im Kibbutz ist ebenso möglich, wie außerhalb. Einzig das Gehalt geben alle in die Kibbutzkasse – abzüglich eines Teilbetrages, der meist jedoch in Form von Budgets im Supermarkt, vergünstigen Preisen im Speisesaal u.ä. ausbezahlt wird. Strom und Wasser zahlt ebenso der Kibbutz. Und so gibt es viele Argumente dafür, dass auf diese Weise verfahren wird.

Aber natürlich gibt es bei aller Arbeit auch das ausgelassene Partyleben. Sei es der Freitagabend in der Disco, Pool-Partys, spontane Nachtausflüge an den Strand oder Grillabende. Ein Anlass findet sich immer – falls man überhaupt einen braucht. Die Disco in Gan Shmuel war legendär. Von außen wie eine orangene Spinne gebaut, konnte man die so entstandenen Nischen im Inneren für Flirts nutzen. Freitags trafen sich hier Volontäre, Sprachschüler und die jungen Kibbutzniks. Gemeinsames Feiern aller Nationalitäten – immer wieder ein Highlight. Und wem die Spinnendisco zu jung war, der traf sich in der Disco unter der Wäscherei und tanzte zu Oldies. Auch hier war die Stimmung immer super.Und nicht zuletzt wegen dieser Discoabende haben sich über die Jahre zahlreiche Pärchen gefunden. Ob die Volontäre im Kibbutz bleiben oder die Kibbutzniks mit ihren neuen Partnern ins Ausland gehen – das findet sich. Die Reihe dieser Paare ist jedenfalls lang – und das ist gut so.

Egal wohin man schaut – der Kibbutz bietet für jeden eine Nische. Platz für Eigenbrötler ist genauso wie für Gruppenfans. Ein gemeinsamer Nenner findet sich. Und die grüne Oase ist nach einem Tag im brodelnden Tel Aviv auch nicht zu verachten. Kurz: Dieses weltweite Unikum ist immer wieder aufs Neue faszinierend und wer die Gelegenheit dazu hat, sollte unbedingt mal in einem Kibbutz vorbeischauen.

Brigitta Stegherr
Brigitta Stegherr