Top
Blau-Weiß-Grüne Brücken: Irland und Israel - Der deutsche Kibbutz
fade
5786
post-template-default,single,single-post,postid-5786,single-format-image,eltd-core-1.0,flow-ver-1.3,,eltd-smooth-page-transitions,ajax,eltd-grid-1480,eltd-blog-installed,page-template-blog-standard,eltd-header-type2,eltd-sticky-header-on-scroll-up,eltd-default-mobile-header,eltd-sticky-up-mobile-header,eltd-dropdown-default,wpb-js-composer js-comp-ver-4.11.2.1,vc_responsive

Blau-Weiß-Grüne Brücken: Irland und Israel

Man will meinen, dass irisch-israelische Verbindungen nicht direkt auf der Hand liegen. Falsch! Die beiden kleinen Länder verbindet eine lange Geschichte, die in ‚Little Jerusalem‘ mitten in Dublin ihr Herzstück hatte. Das heißt aber nicht, dass es einem derzeit einfach gemacht wird: alleine das Anreisen ist schon eine größere Angelegenheit: Direkte Flüge lassen sich bis auf wenige Wochen im Sommer nicht finden, wodurch die kleine grüne Insel mit den 4,5 Millionen Bewohnern mitsamt der jüdischen Minderheit die meiste Zeit des Jahres viel weiter entfernt scheint, als sie ist. An sich ließe sich die Strecke nämlich in weniger als fünf Stunden bewältigen, hat die Initiative http://www.dubtotlv.org/ ‚Dublin to Tel Aviv‘ berechnet. Auch Billigflieger Ryanair spielt öffentlich immer wieder mit dem Gedanken, Israel anzufliegen. Aber so richtig in Schwung gekommen ist dieses Projekt noch nicht. Schade, findet der irische Botschafter Eamonn McKee in Tel Aviv, der einen herrlich launigen, halb-privaten Blog betreibt: http://eamonncmckee.com/

Ich fliege also von Tel Aviv über Frankfurt nach Dublin – und nicht alleine, viele Israelis steigen mit mir zusammen um. Die Wartezeit nutze ich für eine kleine Umfrage: die meisten sind entweder direkt für Geschäftsbesuche (Google, Intel, Facebook und einige MedTech Firmen) unterwegs oder besuchen Familie und Freunde, die auf der grünen Insel arbeiten. Israelische Urlauber sind zumindest an diesem Tag nicht im Flieger dabei. Dabei ist die allgemeine Meinung über die grüne Insel positiv: freundlich, viel Regen, gutes Bier und gute Infrastruktur. Ach ja, und der Euro…zumal beim derzeitigen Wechselkurs mit dem israelischen Schekel.

Laut den aktuellen Daten des israelischen Wirtschaftsministeriums ist der irisch-israelische Wirtschaftszweig auf dem aufsteigenden Ast: der irische Export liegt bei rund 340 Millionen US-Dollar und der israelische bei 200 Millionen US-Dollar. In den vergangenen Jahren war es weniger. „Der Großteil davon ist auf das Intel Konto zu buchen“, sagt Dr Ben Nachman, seit knapp zehn Jahren Vorsitzender der irisch-israelischen Handelskammer. Früher, sagt er seufzend, war da noch Dell als größter Exporteur. Aber Dell ist umgezogen, seitdem sind die anderen wichtigen Branchen CleanTech und die großen Jobmotoren Facebook und Google. Trotz allem nehmen die Wirtschaftsbeziehungen wenig neues Tempo auf. Nachman legt große Hoffnungen in den neuen israelischen Botschafter Zeev Boker, der im kommenden August nach Dublin geht. Über seine Ziele darf Boker jedoch noch nicht sprechen: „Ich bin noch nicht offiziell im Amt“, sagt er auf Anfrage.

Insgesamt kann man zusammenfassen, dass Irland für Israel gleich aus mehreren Gründen attraktiv ist: Das Land ist englischsprachig, mit nur zwei Stunden Zeitunterschied im Vergleich zu den USA nicht weit weg, das Freihandelsabkommen zwischen Israel und der EU schließt die Insel bis auf Nordirland ein und das bilaterale Doppelbesteuerungsabkommen hat 1995 die wirtschaftlichen Beziehungen weiter eingeebnet.

Davon profitiert beispielsweise Elliot*. Der Israeli arbeitet seit mehreren Jahren bei Google in Dublin. Hebräisch-sprechende Mitarbeiter sind nicht nur bei Google stark gesucht, auch Deutsche haben kein Problem eine Anstellung zu finden. So kam auch Barbara* zu Facebook. „Die Kollegen in den großen Firmen sind aus der ganzen Welt, es ist ein Schmelztiegel – und was mir besonders auffällt ist, dass der Nahe Osten bei Facebook mehr Mentalitäts- als Religionsbestimmt ist“, erzählt Barbara, die ursprünglich aus München kommt. Ihre Kollegen aus Israel verstehen sich bestens mit den arabischen Mitarbeitern. „Abends wird durchaus gemeinsam Falafel essen gegangen“, erzählt sie.

In der Tat säumen sich einige Falafel-Läden an der Dame Street, die das berühmte Trinity College mit der Christ Church Kathedrale verbindet. Bis zum einzigen jüdischen Museum (http://jewishmuseum.ie/) sind es von dort aus knapp zwei Kilometer – mitten ins ehemalige ‚Little Jerusalem‘, wo früher das jüdische Viertel mit koscheren Metzgern, Bäckern, Lebensmittelläden und Buchgeschäften war. Heute ist davon wenig übrig geblieben. Immerhin wurde die frühere Synagoge nach 15 Jahren Brachzeit vom gebürtigen Iren und israelischen Präsidenten Dr Chaim Herzog am 20. Juni 1985 während seines Staatsbesuchs wiedereröffnet. Pro Jahr zählt das Museum nach eigenen Angaben rund 10 000 Besucher. Doch die jüdische Gemeinde in Dublin ist klein, Irland ist mit 98% der Bevölkerung praktisch rein katholisch. Progressiv katholisch – Ende Mai wurde mit überwiegender Mehrheit für ‚YES‘ gestimmt – jetzt sind Eheschließungen unter Homosexuellen möglich.

Abends in der Temple Bar, dem berühmten gelben Pub im Temple Bar Viertel, höre ich, dass vor etwas über zehn Jahren viele Israelis nach Dublin gereist sind. Kurz darauf kamen viele Iren für das Qualifizierungsspiel der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Israel. Doch an diesem Abend finde ich keinen Israeli – weder mit einem Guinness in der Hand, noch am nächsten Tag in der Old Jameson Destillery mit einem Irish Coffee oder bei der launigen Führung im Leprechaun Museum.

Kurz bevor ich den freundlichen und gesprächsbereiten Iren ‚good bye‘ sage, treffe ich noch Ronit, eine Jerusalemer Philosophin, die sich auf deutsche Philosophen spezialisiert hat. Sie ist für ein langes Wochenende in Dublin bei einer Konferenz gewesen. „Es ist nicht alltäglich, wie warm ich hier als Jüdin willkommen geheißen wurde“, erzählt sie in gutem Deutsch. Sie ist gerne in Irland, und der akademische Austausch ist auf dem aufsteigenden Ast. Oder, wie Ronit schmunzelnd sagt: „Zwischen Irland und Israel gibt es lauter kleine Blüten.“

 

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh