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Fräulein Smelas Gespür für Gutes - Der deutsche Kibbutz
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Fräulein Smelas Gespür für Gutes

Jana Smelas Locken wehen leicht in der Abendbrise, die über den Dizengoff Platz in Tel Aviv bläst. Die 19-Jährige in blauer Jeansjacke, gepunktetem Rock und schwarzen Leggins passt optisch bestens in das sekuläre Zentrum des Landes. Keiner würde denken, dass die hübsche Hannoveranerin erst vor sieben Monaten in Israel angekommen ist. „Und ich hingegen will gar nicht daran denken, dass ich in fünf Monaten schon wieder wegfahre“, sagt Jana und bestellt auf Hebräisch ein Glas frischen Orangensaft. Es hat sich viel getan im Leben der Abiturientin, die im Rahmen des „Aktion Sühnezeichen“ ein Jahr Freiwilligendienst in Israel absolviert.

16 Stunden pro Woche ist Jana im Moshe Dayan Center, fasst Bücher zusammen und schreibt Aufsätze. Ihr letztes Paper befasste sich mit verschiedenen Aspekten des palästinensischen Nationalismus. Den Rest der Arbeitswoche, also 24 Stunden, arbeitet sie im religiösen Altenheim ‚Beit Jenny Breuer‘, das sich ursprünglich auf Holocaust-Überlebende aus Deutschland spezialisiert hat. Heute sind die meisten der 70 Bewohner allerdings aus Osteuropa und nicht mehr alle sind von der Schoa betroffen. Besonders ans Herz gewachsen ist ihr Rachel* (Name von der Redaktion geändert). Die elegante Ungarin vergisst immer wieder, dass sie in Israel ist und erzählt Jana von dem Traum, einmal im Heiligen Land zu wohnen. „Ich bin jedes Mal gerührt, dass ich die Ehre habe, ihr zu sagen, dass sie nach Israel eingewandert ist und ihren Traum lebt“, erzählt Jana und streift sich die Locken hinter die Ohren.

Oder Shoshana*, die fitte und fröhliche Polin, die ihr eigenes Alter stets vergisst und so gerne Anekdoten aus ihrer Großfamilie erzählt. „In Israel ist ja viel auf die Familie ausgerichtet und entsprechend bekommen unsere Bewohner auch oft Besuch“, sagt Jana. Es sind inzwischen „unsere“ Bewohner, Jana empfindet sich als festen Teil der Belegschaft. Und als Familienmitglied ihrer israelischen Mentorenfamilie, mit der sie die großen Feiertage verbringt. „Ich bin so lieb aufgenommen worden und fühle mich geborgen“, erklärt die 19-Jährige. Geborgenheit hat Jana unerwartet auch noch ganz woanders gefunden: Die traditionellen jüdischen Gerichte erinnern sie an das Essen ihrer polnischen Oma. Dies in Kombination mit dem modernen Vibe in der weißen Stadt am Mittelmeer lässt Jana schwelgen: „Ich bin ganz verliebt in Tel Aviv“.

Die Zeit in Tel Aviv ist in jeden Fall anders, als Jana es erwartet hat. „Ich hatte beispielsweise Angst, dass die Stimmung im Altenheim gedrückt ist und der Holocaust täglich eine Rolle spielt.“ Weit gefehlt. Die meisten sprechen viel lieber davon, wie schön Europa vor dem Zweiten Weltkrieg war. Dafür denkt Jana jetzt selber viel mehr über den Holocaust nach. Vielleicht, so sinniert die einzige deutsche Freiwillige im Heim, helfe der jüdische Glauben. „Ich habe das Gefühl, dass man hier viel dankbarer für das ist, was man hat.“ Das ist etwas, was ihr bleibt. „Wenn ich zurückgehe, nehme ich viel mit“, weiß Jana jetzt schon. Wobei sie noch nicht weiß, wohin das ‚zurück‘ genau sein wird: Ein Jura-Studium wird es werden, in Münster, Heidelberg, Leipzig oder Berlin. Die Auswahl liegt eher bei ihr: Jana hat mit 1,0 das beste Abitur 2014 in Hannover geschrieben. Aber das erwähnt sie während des ganzen Gespräches nicht, sondern erzählt lieber von ihrem Blog https://dwellingontelaviv.wordpress.com/, in dem sie von ihren Israel Erlebnissen schreibt.

Denn am Wochenende reist sie mit ihren neuen Freunden und anderen Freiwilligen gerne und oft durch das Land. Übernachtet wird in der Regel bei einem der 21 deutschen Freiwilligen, die derzeit mit „Aktion Sühnezeichen“ in Israel sind. Nächstes Jahr feiert der Austausch bereits sein 55. Jubiläum und blickt zurück auf über 1500 jüngere und ältere Deutsche, die schon ein Freiwilligenjahr in Israel verbracht haben.

Jana bleibt noch bis Ende August in Israel. Was danach kommt, scheint noch sehr weit weg. „Jetzt freue ich mich vor allem erstmal auf den Sommer am Mittelmeer, Tel Aviv ist für mich zur richtigen Traumstadt geworden.“

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh