Top
Aryes Welt: Vom Rap zum IDF - Der deutsche Kibbutz
fade
5725
post-template-default,single,single-post,postid-5725,single-format-image,eltd-core-1.0,flow-ver-1.3,,eltd-smooth-page-transitions,ajax,eltd-grid-1480,eltd-blog-installed,page-template-blog-standard,eltd-header-type2,eltd-sticky-header-on-scroll-up,eltd-default-mobile-header,eltd-sticky-up-mobile-header,eltd-dropdown-default,wpb-js-composer js-comp-ver-4.11.2.1,vc_responsive

Aryes Welt: Vom Rap zum IDF

Dieser Versuch muss scheitern – Arye Shalicar passt einfach in keine Schublade. Oder wo, bitte sehr, könnte man die Wandlung vom harten Berliner Bad Boy zum akkuraten Sprecher des israelischen Militärs einordnen? Also keine typische Kategorisierung, sondern eine spannende Lebensgeschichte: Der heute 37-jährige Arye wird in Göttingen geboren und zieht mit seinen sekulären iranischen Eltern als Kleinkind nach Berlin. Arye wusste weder, dass er Jude ist – noch spielte es für ihn erstmal eine Rolle: Seine Freunde waren muslimisch oder christlich, wichtiger als Religion waren Fußball, Musik und später Graffiti.

Zum ersten Mal spaltete sich Aryes Welt ausgerechnet in einer Deutsch-Stunde: Als in der 9. Klasse  ‚Anne Frank‘ durchgenommen wurde, sagte sein bester Freund Mahavir „Alle Juden sollten getötet werden“ und „Juden sind unsere Feinde“. Am nächsten Tag trug Arye den Davidstern, den ihm seine Großmutter in Ashdod während eines Urlaubs gegeben hatte. „Ich wollte zeigen, hey, ja, ich bin wirklich Jude, aber wir sind doch Freunde, das ist doch viel wichtiger“, erinnert sich Arye. Mahavir sprach nie wieder ein Wort mit ihm.

Es war der Anfang einer neuen Welt für Arye. Eine, in die er als Jude in Berlin nicht mehr konfliktfrei passte. Sein Leben funktionierte nur noch in Banden, kleineren und größeren Gewaltdelikten, Protektion, Graffiti und Rap in der Formation ‚Berlin Crime‘. Arye alias ‚Boss Aro‘ wurde zur lokalen Berliner Szenenprominenz – und gleichzeitig zum Partisanen in seiner eigenen Welt. Macht, Angst und Kalkül wurden zu den Währungen des Alltags. In seiner Biografie „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“, die er um die Jahrtausendwende geschrieben und im Jahr 2010 im Deutschen Taschenbuchverlag veröffentlicht hat, spricht er Tacheles über seine frühere Welt. (*Buchauszug unten)

Arye trudelte langsam aber sicher in eine Gewaltspirale. Geblieben waren ihm seine zwei Fixpunkte: seine Freundin und die Schule. „Ich verdanke Janika, dass ich die Schule nicht geschmissen habe“, erinnert er sich. Letzten Endes sollte es das Ticket in eine neue Welt werden: Abitur, Studium der Politikwissenschaften, Jüdische Studien und Islam in Berlin – aber immer noch das Partisanenkämpfergefühl, das inzwischen zu seiner Natur geworden war. „Weißt du, was ich meine?“, fragt Arye, wobei es sich eher anhört wie „Weischt du, was isch main?“. Immer wenn er diese Frage stellt, kneift er die Augen leicht zusammen. Und er stellt sie oft.

Berlin passte nicht mehr und Arye wagte den Schritt nach Israel – ein halbes Jahr Freiwilligenarbeit im Kibbutz Palmahim. „Es war das erste Mal seit zehn Jahren, dass ich mich frei fühlte“, erinnert er sich. Auf einmal hatte er jüdische Freunde. Kurz darauf zog er nach Israel. Ohne Hebräisch zu können. „Aber für ein Leben ohne schiefe Blicke, weil ich Jude bin“.

Politik-Studium, Master in European Studies, ein kurzer beruflicher Ausflug in das Nahost-Studio der ARD – und seit 2009 seine Position als Pressesprecher der israelischen Armee. Und Berlin? Arye ist immer mal wieder in Deutschland, oft für Vorträge. Im Namen des IDF Brücken schlagen – aber auf Aryes Art, professionell und mit seinem eigenen Kopf. Das neueste Beispiel ist dafür sein offiziell-inoffizieller IDF Blog auf Deutsch, der gerade online gegangen ist: https://www.facebook.com/MajorAryeShalicar

Auszug aus: Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude: Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde, Deutscher Taschenbuch Verlag 2010

„Auf dem Höhepunkt meines Gangster-Daseins verkaufte ich Gras, ging fast jeden Abend raus, um zu sprühen, hatte jedes Wochenende Schlägereien mit anderen Gruppen und plante Überfälle und Einbrüche. Meine Eltern wussten nicht mehr aus noch ein. Entweder wurde ich von der Polizei nach Hause gebracht, oder ich kam ohne polizeiliche Begleitung, hatte aber stattdessen eine riesige Wunde am Kopf oder im Gesicht. Mein Vater warf mich zweimal aus dem Hause und schrie mir nach, ich sei nicht mehr sein Sohn. Beide Male kam ich wegen meiner Mutter zurück. Ich wusste, wie weh ihr das alles tat. Ich sah, wie sehr sie litt, weil unsere Familie wegen mir langsam zerbrach, und weil sie mit ansehen musste, wie ich mich in Richtung Knast bewegte.“

Eure Jennifer Bligh

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh