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Eine Frage der Gerechtigkeit - Der deutsche Kibbutz
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Eine Frage der Gerechtigkeit

Der Richter am Jerusalemer Bezirksgericht hat sich einen besonders pikanten Termin auf den Vortag des Holocaust-Gedenktages gelegt: Es ist die erste Anhörung in der Sache Professor Erika Rosenberg gegen die Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem.

Der Fall ist brisant, nicht nur wegen des eher unglücklichen Timings für das erste offizielle Treffen der beteiligten Anwälte: Es geht um nichts geringeres als um Oskar Schindlers Listen beziehungsweise deren Herausgabe. Die vergilbten mit Schreibmaschine geschriebenen Kopien hängen seit 1999 in einem Glaskasten in Yad Vashem und werden jährlich von Millionen von Besuchern angesehen.

Dieser Glaskasten ist für die argentinische Publizistin Erika Rosenberg alles andere als endgültig abgeschlossen: Rosenberg ist die Nachlassverwalterin und Erbin von Emilie Schindler, die nach dem Zweiten Weltkrieg von ihrem Mann Oskar getrennt in Argentinien lebte und 2001 in Berlin starb. „Emilie bat mich, um die Dokumentation zu kämpfen, und hat mir alle Rechte daran übertragen“, sagt Rosenberg. Im Zweifel werde die deutschstämmige jüdische Bundesverdienstkreuzträgerin dafür bis nach Den Haag gehen. „Ich weiß, dass meine Chancen nicht gut stehen, aber es geht um Gerechtigkeit“, sagt sie.

Um die Problematik des Falls zu verstehen, muss weit in die Vergangenheit zurückgeblickt werden: Oskar Schindler hatte eine Affäre mit der Hildesheimerin Annemarie Stähr. Als Oskar 1974 stirbt, gelangt der Koffer zu Annemarie: die Frage ist, hat Oskar ihr den Koffer gegeben oder hat sie ihn sich genommen? Alle Beteiligten sind seit langem tot, es wird schwierig werden, diesen wichtige Frage zu klären. Rosenberg ist überzeugt, dass Annemarie Stähr mit ihrem Wohnungsschlüssel die Schindlersche Tür geöffnet und den Koffer mit den Unterlagen aus der Frankfurter Wohnung entnommen. Zu diesem Zeitpunkt lebte Emilie Schindler allerdings noch und wäre in diesem Fall die Erbin gewesen. Yad Vashem hingegen ist der Meinung, dass Schindler die Unterlagen noch vor seinem Tod Annemarie Stähr zur Verwahrung gegeben hat. »Yad Vashem hat die Papiere rechtens erhalten«, so das offizielle Statement der Gedenkstätte.

Fakt ist: 40 Jahre lang lagerten die berühmten Listen zusammen mit rund 4000 Unterlagen in einem Samsonite-Koffer auf dem Dachboden der Familie Stähr in Hildesheim. Nach dem Tod der Eltern fanden Stährs Söhne den Koffer und beschlossen, ihn an die Gedenkstätte Yad Vashem zu schicken. Das war 1999, sechs Jahre nach dem berühmten Steven Spielberg-Film „Schindlers Liste“. Dessen Schlusssatz „Wer nur ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt“ ist bis heute einem Millionenpublikum im Gedächtnis geblieben.

»Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass eine Institution wie Yad Vashem die Rechte der Besitzerin nicht anerkennen will«, sagt Rosenbergs Anwalt Naor Yair Maman. Aus seiner Sicht ist es alles andere als geklärt, dass Yad Vashem das Recht hat, diese Listen zu besitzen. Dies hat er auch bei der ersten Anhörung erklärt.

Doch was hat Emilie Schindler gewollt? Ihre Rolle wird unterschiedlich beschrieben: Laut Yad Vashem habe Emilie Schindler gewusst, dass die Unterlagen in der Gedenkstätte sind, und habe zu Lebzeiten nie danach gefragt. Laut Rosenberg habe Schindler hingegen mehrfach um die Herausgabe gebeten. »Erst nach Emilies Tod hat sich Erika Rosenberg, die bereits viele Prozesse geführt hat, an uns gewandt«, so Yad Vashem. Weiter hört man aus der Gedenkstätte: Man werde »sich vor Gericht dafür einsetzen, dass die Unterlagen nicht in unrechtmäßige Hände kommen«.

Was Erika Rosenberg mit den Dokumenten machen will, weiß sie noch nicht. »Ich würde sie nicht verkaufen, sondern einem Museum zur Verfügung stellen«, sagt sie. Dabei habe sie an ein deutsches Museum gedacht. Der Wert so einer Schenkung wäre beträchtlich: Auf dem Markt würden Sammler bis zu sechs Millionen US-Dollar für Schindlers Listen bezahlen.

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh