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Mein Platz für's Herz - Der deutsche Kibbutz
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Mein Platz für’s Herz

„Desert Ashram? Klar kenne ich das!“ Nicht nur ich muss sanft lächeln, wenn ich an das kleine spirituelle Hippie-Dorf mitten in der Wüste denke. Der Blick auf die jordanischen Berge, der unebene Wüstenboden mit seinen Rotschattierungen und die schönsten Sonnenuntergänge (und -Aufgänge) bieten die perfekte Umgebung, um die Welt einfach auszuknipsen. Im Ashram ist die Welt irgendwie heil und der Ashram-Slogan ‚Inner Peace in the Middle East’ nicht nur hohles Geschwätz. Es ist ein Angebot – zum Nachdenken oder oft genug zum nicht-Nachdenken und einfach mal wieder fühlen.

Das Ashram Bamitbar (Ashram in der Wüste) wurde vor zwölf Jahren mitten im Nirgendwo gegründet, eine Stunde südlich von Mizpe Ramon, eine Stunde nördlich von Eilat. Damals kannte kein Mensch die Bushaltestelle Shitim an der Route 40.

„Ein bisschen sollte es wie eine israelische Version des Osho Ashrams in Puna werden“, erinnert sich Nirvana. Die 41-Jährige ist, wenn auch mit einer längeren Unterbrechung, seit Anfang an dabei. Das Osho-Motto „Um Meditation zu unterrichten braucht man nichts außer einer meditativen Atmosphäre“, war das Leitmotiv. Aber die offizielle Osho-Gemeinschaft in Indien wollte keinen Osho-Ashram in Israel, erzählt Nirvana. „So haben wir uns darauf geeinigt, dass unsere Grundhaltung auf Osho basiert, wir aber auch andere Meditationen praktizieren.“

Inzwischen bieten kleine Häuschen mit eigenem Badezimmer, ein Speiseraum, WiFi und ein Kiosk einen recht hohen Standard für ein Wüstendorf. Rund 20 Angestellte leben in dieser engen Gemeinschaft, die fast täglich von „Wompern“ ergänzt und aufgelockert wird. Womper, das sind Teilnehmer des ‚Working & Meditation-Programms‘, bleiben zwischen zehn Tagen und zehn Wochen im Ashram. Sie kommen aus der ganzen Welt in, entsprechend ist die Alltagssprache Englisch und nicht etwa Hebräisch.

Auch Jasper aus Holland sitzt im Schneidersitz auf einem Kissen. Er wollte eigentlich zwei Wochen durch Israel reisen. „Jetzt bin ich seit zehn Tagen hier und habe nicht einmal Jerusalem gesehen“, sagt er und strahlt auf „aber der innere Fortschritt, den ich in dieser Zeit gemacht habe, ist unbezahlbar“, erzählt der 27-Jährige. Nach Israel will er auf jeden Fall wiederkommen. Um Jerusalem zu sehen, in Tel Aviv zu feiern und im Norden die Weingüter zu besuchen. „Aber jetzt weiß ich, was ich will“, sagt er mit diesem sanften Glänzen in den Augen, das diejenigen haben, die beim inneren Hindernislauf eine Hürde weitergekommen sind. Jasper wird seinen Job kündigen – und als Soundtechniker in einer kreativeren Umgebung anfangen. „Ich wollte schon immer im Theater arbeiten, keine Ahnung, warum ich in der Industrie hängen geblieben bin“, sagt er im Smoking Tempel, einem palmenbedachten Eck im Ashram, und dreht sich eine Zigarette.

Der Tag im Ashram beginnt um 7 Uhr morgens mit der ersten Meditation. Erst danach gibt es Frühstück. Gearbeitet wird sechs Stunden am Tag – aufgeteilt in zwei Abschnitte. Vor und nach dem Mittagessen wird gekocht, geputzt, die Tiere betreut, Zäune gebaut, Zement angerührt oder etwas repariert. Das Mantra dabei: Bleib im Moment. Atme. Sei hier. Die einzigen richtigen Regeln sind, dass man zu den Meditationen morgens und abends kommt und seine sechs Stunden pro Tag arbeitet. Insgesamt sind Raum und Zeit im Ashram aber relativ, stets gilt: wer einen Kaffee möchte, hat immer Zeit, sich einen zu machen. Das gleiche betrifft Zigarettenpausen oder einen Plausch. Und natürlich Umarmungen – ohne sexuellen Kontext und Nacktheit versteht sich, der Hippie Himmel ist samt Facebook und warmen Duschen im 21. Jahrhundert angekommen.

Das Ashram finanziert sich und das Womp-Programm praktisch ausschließlich durch Festivals. Das größte Festival, „Zorba the Buddha“ findet zwei Mal im Jahr statt: Bis zu 3000 feierfreudige Israelis und Internationals reisen nach Pessach und Sukkot mit Zelten an, um bis zum Sonnenaufgang zu Trancemusic zu feiern, leise zu meditieren, über das Leben zu sinnieren und die vielen internationalen Konzerten zu hören.

Kleinere Festivals, wie das „Pashut“ (‚Simpel‘) und viele Workshops lassen das Ashram im israelischen Eventkalender regelmäßig auftauchen.

Durch diese Einnahmen kann das Womp-Programm so günstig gehalten werden, dass es sich praktisch jeder leisten kann. Pro Tag kostet es umgerechnet zwölf Euro, inklusive Unterkunft, Meditationen, Yoga und vegetarischem Essen. Das ist in einem so teuren Land wie Israel so gut wie nichts. In Israel sind die Preise wesentlich höher als in Deutschland: Shampoo kostet um die zehn Euro, eine Zahnbürste schon mal sechs Euro, eine Yogastunde ab 15 Euro. Nur eines ist in Israel definitiv günstiger als in Deutschland: Reisen. Mit dem Zug oder Bus von Tel Aviv aus bis in den Süden ins Ashram dauert es vier Stunden und kostet weniger als zehn Euro – damit hat man das ganze sieben Millionen Einwohner Land quasi einmal durchquert. Und ist an meinem persönlichen Platz für’s Herz angekommen.

 

Videos:

https://www.youtube.com/user/ashrambamidbar

http://www.desertashram.co.il/

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh