Top
Gaumenzirkus auf dem Straßenmarkt - Der deutsche Kibbutz
fade
351
post-template-default,single,single-post,postid-351,single-format-image,eltd-core-1.0,flow-ver-1.3,,eltd-smooth-page-transitions,ajax,eltd-grid-1480,eltd-blog-installed,page-template-blog-standard,eltd-header-type2,eltd-sticky-header-on-scroll-up,eltd-default-mobile-header,eltd-sticky-up-mobile-header,eltd-dropdown-default,wpb-js-composer js-comp-ver-4.11.2.1,vc_responsive

Gaumenzirkus auf dem Straßenmarkt

Es könnte nicht israelischer zugehen: Mitten auf der Straße steht ein Auto und blockiert den Verkehr; dahinter hupt es ungeduldig aus den wartenden Vehikeln, während der Fahrer noch kurz mit dem Ladenbesitzer quatscht. „Die Lewinksy Straße ist traditionell eine Einkaufsmeile und bis heute haben sich viele von den kleinen Familiengeschäften gehalten“, ruft Inbal Baum von der ‚Delicious Israel‘ Tour über das Hupen hinweg. Dann springt der Fahrer zurück in sein Auto und die angestaute Blechschlange rollt langsam an der Auslage mit Sonnenblumenkernen, Oliven und Gewürzen vorbei.

Die Lewinsky Straße im Süden Tel Avivs ist eine kleine Einheit in sich: am einen Ende haben sich vor über 60 Jahren vor allem jüdische Einwanderer aus der Türkei und Griechenland niedergelassen und Läden des täglichen Bedarfs eröffnet. Am anderen Ende der Straße, ungefähr 20 Minuten Fußweg entfernt, thront der beeindruckend hässliche Busbahnhof der Stadt. Aber hier, auf Höhe von Hausnummer 46, ist von Fernbussen nichts zu sehen. Es riecht nach Gewürzen. ‚Pereg Spices‘ heißt der kleine Familienbetrieb, der sich unter anderem auf Gewürzmischungen für Mejadara Reis und Linsen spezialisiert hat. Probiert wird aus kleinen weißen Plastikschalen, die Löffel verfärben sich verführerisch gelb. Dazu passen die Würste aus der Hausnummer 50: In der Boutique Naknik (Boutique Wurst) wird vor Ort geräuchert und alles in kleine currywurstähnliche Happen geschnitten. Richtig guten Arak, den typischen Anis-Schnaps, gibt es ebenfalls in der Nummer 50, aber wer lieber etwas Kräuteriges nachkippen möchte, ist bei den selber zusammengemischten Tees vom ‚Medicine Man, Cafe Arama‘ in der Lewinsky 51 gut aufgehoben. Im Zweifel auf den Hals, die Ohren, den Bauch oder andere wehleidige Stellen zeigen (natürlich für die, die des Hebräischen nicht ganz mächtig sind) und der Medicine Man mischt.

Wer keinen Tee mag, kann sich einfach weiter auf das Straßenmarkt-Menü konzentrieren. Im Schlendergang geht es die paar Schritte zur wohl besten Halva (zusammengepresste Sesampaste) mit Kakaobohnen und Pistazien in der Hausnummer 48. Halva gibt es überall in Israel, aber hier, bei ‚Mahroum Sweets of Nazareth‘ ist die Halva so überzeugend fest, und zwar im Geschmack, als auch von der Klebhaftigkeit im Hals, dass es außergewöhnlich ist. Wer kaut, hat verloren, die Herausforderung ist, die festen Halva-Würfelchen mit der Zunge am Gaumen zu zerdrücken, damit sie den vollen Geschmack preisgeben.

Ein paar Schritte weiter kommt der perfekte Zwischengang: Nach einem Kaffee Schachor (das ist schwarzer Kaffee, bei dem der Kaffeesatz in der Tasse bleibt) bei Cafe Kaimak mit Blick auf die Synagoge aus dem Jahr 1931 an der Ecke Lewinsky/Zevulon Straße ist wieder ein bisschen Platz für eine der tollsten Burekas (Teigtaschen) bei ‚Penso‘ in der Nummer 43. Wer schon schnauft, kann auch eine Burekita bestellen, also eine kleine Bureka. Zur Auswahl stehen, je nach Backzeit, Käse, Aubergine und Kartoffel als Füllung. Alternativ kann auch einfach zur Hausnummer 30 weitergehen und bei ‚Garger HaZahav Hummus‘ drei verschiedene Humus-Sorten probieren. Auf keinen Fall sollte der Magen dann aber so voll sein, dass gar nichts mehr hineingeht. Denn das absolute Nonplusultra der Lewinsky Markttour kommt am Schluss: Es ist die Krönung – oder, wenn man auf die verzückten Gesichter sieht, die Prinzessin der Gaumenfreuden: Parallel zur Lewinsky Straße, an der Matalon Straße 36, ist die von außen recht unscheinbare ‚Conditoria Albert‘. Oh Albert, möchte man rufen, gib mir mehr, viel mehr von diesen ‚Wet Meringues‘. Was innen ist, ist ein Geheimnis – es schmeckt wie eisgekühlter Vanillepudding in kleinen Baiser-Häubchen. Der alte Mann grinst nur, er kennt das, seit Jahrzehnten verzückt er auf Bestellung. Man kann es nicht verneinen, nach so einer Delicious Tour ist der Magen eigentlich voll, aber für Alberts Kunstwerke macht man gerne Platz. Es ist einer der seltenen Momente, wenn der Gaumen an den Magen und ans Hirn signalisiert: ausschalten, nur fühlen, nur schmecken, riechen. Und langsam eine weitere ‚Wet Meringue‘ in den Mund schieben.

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh