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Quadratisch, praktisch, blau - Der deutsche Kibbutz
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Quadratisch, praktisch, blau

Während in Israel die Köpfe im Rahmen des Wahlkampfs rauchen und Benjamin Netanjahu, Yair Lapit, Bouji Herzog und alle anderen hektisch einen von einem Termin zum anderen eilen, herrscht im Zentralen Logistik-Zentrum für die Wahlen organisierte Ruhe. Etwa 80 Mitarbeiter gleichen mit geduldigem Gleichmut in einer großen Lagerhalle in Modiin die Namen, Personalausweisnummern und Adressen von 5,3 Millionen Israelis ab, die zur Wahl des nächsten Präsidenten berechtig sind.

 

Noch sind es mehrere Wochen bis zur Wahl am 17. März. An diesem Tag schnellt die Anzahl der Mitarbeiter und Helfer in den 19 Wahlbezirken im ganzen Land auf 50 000 hoch, denn pro Wahlurne werden drei Helfer abgestellt. „Eine Wahl ist ohne Zweifel das größte Bevölkerungs-Projekt in Israel“, erklärt Motti Geistman, der im Logistik-Zentrum arbeitet. Für viele junge Israelis ist der Ein-Tages-Job ein wichtiger Termin, nicht nur wegen der Wahl an sich, sondern auch wegen der großzügigen Bezahlung: Wer am Wahltag arbeitet, hat genug Zeit zum Wählen – und verdient 1900 Shekel, also rund 425 Euro. Das entspricht einem halben Monatsmindestlohn.

 

Noch ist es aber nicht soweit: erst müssen in Modiin die 11500 blauen Kisten gepackt und vorbereitet werden: In jede Box kommt ein Raumtrenner, damit die Wahl geheim stattfinden kann, eine Art Setzkasten mit den Zetteln für die Parteien und eine Metall-Verplombung für den Verschluss. Apropos Wahlzettel: Die rechteckigen weißen Zettel mit den schwarzen Lettern sind eine ausgefeilte Angelegenheit für sich: Theoretisch darf nämlich jede Partei ihre eigenen Stimmzettel drucken, solange die Normen einhalten werden und die Zettel genauso aussehen, wie alle anderen. Praktisch wird das aber wohl selten gemacht, sagt Motti. Genau sagen könne man das aber nicht, denn die abgegebenen Wahlzettel seien ja identisch. Jede Partei ist mit einem Buchstaben oder einer Buchstabenkombination erkennbar, die unverändert bleibt. Neue Parteien müssen entsprechend überprüfen lassen, ob die gewünschte Abkürzung bereits vergeben ist.

 

Wählen darf in Israel jeder, der einen blauen Personalausweis hat und vor dem 17. März 1997 geboren ist. Organisatorisch sind die Wahlberechtigten jedoch in drei Kategorien eingeteilt: Erstens normale Bürger, zweitens Soldaten, und drittens „Besondere“ – 3000 Wahlkisten werden für Botschaften, Behinderte, Krankenhäuser und Gefängnisse in der „besonderen“ Kategorie bereitgestellt. Zusätzlich dazu wurden bereits im Vorfeld 100 blaue Kisten an Botschaften im Ausland geschickt, denn Botschafter dürfen im Ausland wählen. Das ist deswegen erwähnenswert, da Botschaftsangehörige und Israelis im Ausland nicht wählen können, sprich: wer im Urlaub ist, hat Pech, und kann seine Stimme nicht für die neue Knesset-Zusammensetzung abgeben. Auch eine andere Tatsache macht die Wahl zum organisatorischen Mammutprojekt: Wer beispielsweise in Tel Aviv gemeldet ist, aber in einer anderen Stadt wohnt, muss anreisen. „Man muss dort wählen, wo man gemeldet ist, aber es gibt kostenlose Bustickets“, erklärt Motti.

 

Soldaten können direkt in den Kasernen wählen, da sie nicht einfach für einen Tag nach Hause fahren können. Das System des „doppelten Umschlags“ verhindert, dass ihre Stimme sowohl in der Kaserne als auch in der Heimatstadt abgegeben wird: Die Soldaten legen ihren Stimmzettel in den kleinen blauen Umschlag, verschließen ihn und stecken ihn in einen größeren weißen Umschlag, auf den Namen und ID Nummer geschrieben werden. Helfer vergleichen die Namen mit den Listen derjenigen, die im Heimatbezirk gewählt haben, öffnen den weißen Umschlag und stecken den verschlossenen blauen Umschlag zu allen anderen Wahlzetteln in die Wahlurne. „Manchmal reisen die Wahlkisten den Soldaten regelrecht hinterher, wenn sie unerwartet von einer Kaserne in die andere verlegt werden oder mit militärischen Operationen im Feld unterwegs sind“, erzählt Motti.

 

Am Abend des 17. März werden alle Stimmen gezählt und die Ergebnisse in Listen eingetragen. Diese Listen und sämtliche Stimmzettel werden noch in der Nacht nach Jerusalem in die Knesset transportiert. Eine erste Ergebnisprognose gibt es noch in der gleichen Nacht, genaue Wahlergebnisse am nächsten Tag. Wenn es keine Nachzählung gibt, kommt die gesamte Wahlzettel-Ladung zwei Wochen später zurück nach Modiin ins Zentrallager, wo die Stimmzettel ein halbes Jahr lang aufbewahrt und dann vernichtet werden. Ein riesiges Projekt, auch in Sachen Umweltschutz: Nur 20% der Kisten können wiederverwendet werden, alle anderen werden zum Recyclinghof gefahren.

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh