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Oiwawoi, ein Freier! - Der deutsche Kibbutz
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Oiwawoi, ein Freier!

Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass man als Deutscher mit Hebräisch quasi keine Probleme hat, weil Deutsch ja „fast wie Jiddisch“ ist und dass ja eh jeder verstehe. Nein. So ist es nicht, Deutsch ist nicht wie Jiddisch und es kann auch nicht jeder verstehen, weder Israelis noch Deutsche. Trotzdem haben sich natürlich einige jiddische Worte in den hebräischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Doch ganz so einfach ist es deswegen dennoch nicht, denn die Bedeutungen haben sich, sagen wir es so, oft verschoben oder völlig verändert.

„Ich bin doch kein Freier“, ruft meine Freundin Talia laut grinsend und kratzt mit einem Löffel die letzten Reste Fruchtshake aus dem Glas. Kein was? „Na, Freier! Ist das nicht Deutsch? Klingt doch ganz deutsch“, behauptet sie völlig unbedarft und meint, ich müsse doch schon einmal einen ‚Freier‘ kennen gelernt haben. Freier – ist in Hebräisch jemand, der über den Tisch gezogen wird, der zu viel bezahlt, also ein gesellschaftlicher Verlierer. Und das Shake nicht ganz austrinken, aber dafür bezahlt zu haben, ist Freier-Verhalten….es hat also weder etwas mit dem Rotlichtmilieu noch mit der deutschen Definition von Freier etwas zu tun.

Ich habe letztens laut gelacht, als ich den Artikel von Gil Yaron mit seinen wunderbaren Beispielen für den herrlich verwirrenden Sprachmischmasch in Israel gelesen habe: Es geht um die Worte „Alte Sachen“. Das schallt wortwörtlich fast jeden Morgen durch die Straßen, wenn Araber auf Pferde- oder Eselskarren nach alten Möbeln suchen. Jerusalem, Haifa, Dörfer, Städte, selbst in Tel Aviv hört man „Alte Sachen, Alte Sachen, Alte Sachen“ untermalt von Hufgeklapper auf der Straße. „Das ist Arabisch für ‚Krimskrams'“, erklärte Gil Yarons Freundin ihm voller Überzeugung. Und Gil fast es bestens zusammen: „Dieses Land kann man nicht besser auf einen Punkt bringen: Der Araber durchkämmt laut auf Deutsch rufend jüdische Ortschaften und ist sich sicher, bestes Hebräisch zu sprechen, während die Juden meinen, er spreche Arabisch. Keiner weiß, was der andere wirklich sagt, Hauptsache, man versteht sich.“

Doch das mit dem Verstehen und dem Verständnis sind oft unterschiedliche Dinge. Ich meine manchmal, ich verstehe etwas und dann…Ein schönes Beispiel ist das Wort des Bedauerns: Wenn ein Israeli etwas hört und seinen Horror oder zumindest deutliches Mitgefühl zum Ausdruck bringen möchte, sagt er „oiwawoi“ (geschrieben: oy ve vey, ursprünglich von ‚oh weh‘) und zwar mit toternster Miene. Leider klingt es viel zu lustig für den Anlass (meistens zumindest) und beim Aussprechen von oiwawoi kräuseln sich die Lippen in der witzigsten Weise. Extra großes Bedauern wird auch mal durch oiwawoiwawoi ausgedrückt…

Ein anderes schönes Fettnäpfchen in Sachen „Verhaltenskodex“ bietet das schöne Wort „Schmooze“ (Schmus) – „Let’s schmooze a bit“, klingt ein bisschen wie „Lass uns knutschen“, heißt aber einfach locker quatschen, Small Talk machen. Mein höflich-bestimmtes „Ähm, nein, vielen Dank, ich glaube, ich gehe dann jetzt mal lieber“ war also auch eher weniger angebracht.

Wer sich hingegen auf ein „Shpiel“ einlässt, nimmt weder die Karten noch die Würfel in die Hand – Shpiel ist ein Verkaufsgespräch oder ein Überzeugungsversuch eines Verkäufers und endet mit dem Aushandeln vom Preis. Ganz falsch ist man auch, wenn man das Wort „zaftig“ für ein saftiges Steak oder eine saftige Orange anwenden möchte – „zaftig“ bezieht sich auf Frauen mit Rundungen und nicht auf Essen.

Zwischendrin gibt es aber auch Momente des Erfolgs im Sprachenlabyrinth aus Jiddisch, Hebräisch und Deutsch. „Schluck“ und „Biss“ haben keinen Bedeutungswandel durchgemacht, „Zimmer“ ist ein Pensionszimmer und nicht etwa ein Wohnraum, aber gut, man mietet es immerhin, um dort zu schlafen und „Tacheles“ von „Tacheles reden“ ist auch gleich geblieben.

Mein persönliches Lieblingswort im deutsch-jiddisch-hebräischen Kosmos ist aber sicherlich das Wort „nu“. Es kann „Nuu?“, „Nu!“, „Nouuuu??“ oder „No“ ausgesprochen werden und kann so gut wie alles heißen. Also angefangen von „Wie bitte?“, „Und dann?“, „Ja“, „Nein“, „Vielleicht“, „Ich muss nachdenken“, „heiße Sache“, „Echt“, „Packen wir es an“ oder „Sags nochmal“. Wer „nu“ sagt, muss auch „voila“ kennen: „Voila“ ist „Wow“, „Wirklich?“, „Wirklich!“, „Endlich“, „Bittesehr“, „Überraschung!“, „Schönen Dank und auf Wiedersehen“ und sonst auch ein guter Lückenfüller im Gespräch. Neuer Job? „Voila“. Die Cousine des Nachbarn hat letztens bekannt gegeben, dass sie den Neffen des Vormieters heiraten wird. „Voila.“ „Ich gehe bald heim“ – „Voila“.

Ein überraschtes „Voila“ kam mir über die Lippen, als ich gelernt habe, dass es aber auch anders herum nicht 1:1 funktioniert: Beispielsweise die deutsche Redewendung „das ist nicht kosher“ – im Sinn von, das ist nicht vertrauenswürdig/echt/fair, funktioniert in Israel eigentlich gar nicht. Die Verwendung von koscher im nicht-religiösen Sinne und ohne Lebensmittelzusammenhang ist….eher selten. „Ich glaube ich will nicht auf diese Feier im Wald, das ist mir nicht kosher“ hat bei meiner Freundin Talia erst ihr typisches Kopf-schieflegen (wenn sie versucht mein Hebräisch mit aller Kraft zu verstehen) verursacht, dann ein „voila“ hervorgerufen und schlussendlich ein lautes „Nu? Na dann essen wir halt vorher etwas!“

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh