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Geschichtsträchtige Begegnungen in Israel - Der deutsche Kibbutz
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Geschichtsträchtige Begegnungen in Israel

Durch die Schule und Besuche in verschiedenen Konzentrationslagern hatte ich theoretisch viel über die Shoah bzw. den Holocaust gelernt. Vor meinem Auslandsstudium in Israel fragte ich mich:

„Wie wird das wohl werden? Was sind die Folgen dieser schmerzhaften Erfahrungen für die Überlebenden, deren Nachkommen und für die ganze Gesellschaft? Wie reagieren sie auf Dinge und Personen, die sie an Deutschland erinnern?“

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, entschied ich mich während des Semesters Holocaust-Überlebende in einem Heim in Haifa zu besuchen.

 

In dem besagten Altenheim machte ich Bekanntschaft mit Heinrich Pollack, dem Autor von „Deine Treue ist groß. Erinnerungen eines „Nichtariers“ (2007). Es war für mich faszinierend zu hören wie jemand, der 1913 in Berlin, Preußen, geboren war, von der Zeit erzählte, in der auch mein Opa (Jahrgang 1910) aufgewachsen ist.

In der Schule fand ich die Zwischenkriegszeit eher langweilig, da weitere Konflikte durch die erzwungenen Friedensverträge in Europa vorprogrammiert waren.

Es hörte sich unvorstellbar an, aber Heinrich erzählte mir, wie stolz er 1936 darüber war, dass Deutschland das Rheinland besetzte. Man stelle sich das mal vor: ein jüdischer Deutscher, der schon seit 1933 vor den Nazis fliehen will, ist 1936 stolz auf sein Land. Unerhört! So was von politisch unkorrekt.

1939 verhalf ihm die Bekennende Kirche bei der Ausreise nach Schweden, wo er den Krieg überlebte. Bei den Besuchen faszinierte mich sein wacher Geist und messerscharfer Verstand mit damals 97 Jahren. Mit 92 hatte er seine Autobiographie geschrieben, bzw. diktiert.

Ein anderer Bewohner des Heims war früher Boxer gewesen. Er hatte mit über 80 Jahren noch einen festen Händedruck, wie ihn die meisten Menschen zwischen 20 und 30, die ich kenne, kaum ertragen können. Er wollte einfach nur meine Hand halten und war dankbar, dass ich da war.

Eines Abends traf ich beim Essen eine Frau, die recht gutes Deutsch sprach. Ich fragte sie, wo sie es denn so gut gelernt hatte, da sie aus einem slawischen Land kam. „Im Lager.“ war ihre knappe Antwort. Darin spürte ich viel Schmerz, aber erstaunlicherweise keine Bitterkeit.

 

„Krass.“, dachte ich. „Was werden denn die durchschnittlichen Israelis für ein Bild von Deutschland haben?“

 

Am Yom HaShoah (Holocaustgedenktag) gab es an der Uni eine Rede von einer Holocaust-Überlebenden. Sie hielt die Rede auf Hebräisch. Ich verstand relativ wenig. Plötzlich schrie sie mit lauter Stimme: „Arbeit macht frei!“. Da war mir klar, wieso es so viele Israelis gibt, die denken, dass auch heute noch Deutsche in Europa nur laute Befehle schreien. So tief hat sich der Holocaust als Teil der jüdischen Gruppenidentität in Israel eingebrannt.

 

Gleichzeitig fand ich es sehr spannend, wie junge Israelis (jünger als 30 Jahre) mit dem Thema umgehen. Beim Blutspenden an der Uni lernte ich eine Studentin kennen, deren Oma aus Berlin in den 1930ern fliehen musste. Die junge Frau hatte Deutsch am Goethe-Institut gelernt. So konnten wir uns auf Deutsch unterhalten. Sie erzählte mir, dass sie und ihre Schwester auf den Rat ihrer Eltern hin die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hatten. Ihre Eltern und Großeltern hatten auf dieses Recht selbst verzichtet. So erlebte ich, wie Israelis auch interessiert an ihrem europäischen und deutschen Erbe sein können.

Bei meinem Mitbewohner Avichai war es etwas anders. Eines Morgens sprach er mich beim Frühstück an: „Daniel, you know, today is Holocaust Remembrance Day. My grandfather spent some time in the camps. What did your grandfather do in this time?“

Ich war, gelinde gesagt, etwas schockiert. Ich erzählte, dass er bei der Kriegsmarine war und was ich sonst noch so wusste. Dabei fiel mir auf, wie wenig Details mir bekannt waren. Durch diese Begegnung entschloss ich mich später besser zu recherchieren und ließ mir von der Deutschen Dienststelle (ehemals: Wehrmachtsauskunftstelle = WASt) den kompletten militärischen Parkour meines Opas schicken. Sehr empfehlenswert.

Letztlich war für mich noch offen, wie der Schmerz, das Leid und die Traumata der Überlebenden auf deren Nachfahren wirken.

Beim vorbereitenden Hebräisch-Kurs (Ulpan), lernte ich Liat aus USA kennen. Sie ist amerikanische Jüdin mit deutschen Wurzeln. Als ich ihr erzählte, dass ich meinen Wehrdienst bei der Bundeswehr abgeleistet hatte, bekam sie plötzlich Angst vor mir und wollte weglaufen. Ich fragte, was denn los sei. Sie antwortete mir, dass ihr Opa bei der US Army als Fallschirmjäger während des 2. Weltkriegs gedient hatte. Da er die Lage in Deutschland vor und während des Krieges aufmerksam verfolgt hatte, hatte er große Angst davor von den Deutschen gefangen genommen und in ein Konzentrationslager gebracht zu werden. Sie erzählte mir, dass er nachts öfters aufwache, unter sein Bett krieche und laut schreie, weil die Erinnerungen wieder kommen. Diese Angst vor der deutschen Armee hatte sich so auf die ganze Familie übertragen. Je mehr wir uns unterhielten, desto entspannter wurde sie. Am Ende verließen wir Israel sogar als Freunde.

Mein Fazit aus den Begegnungen mit Zeitzeugen, ihren Nachfahren und jüdischen Studenten aus der Diaspora: die Auswirkungen des Holocausts überdauern die Kriegsgeneration! Jetzt sind wir herausgefordert die Geschichten der Zeitzeugen (Täter wie der Opfer) zu dokumentieren und jugend- bzw. kindgerecht aufzubereiten. Daher engagiere ich mich für das Projekt „Zeugen der Zeitzeugen“ (Junge Deutsche interviewen Holocaust-Überlebende. Die Interviews werden gefilmt und nach der Bearbeitung verbreitet.).

Für mich persönlich bedeutet das:

Es lebe die Freundschaft.

Es lebe Israel! עם ישראל חי!

 

 

 

„Wären meine Augen doch Tränenquellen! Ich würde Tag und Nacht die Toten meines Volkes beweinen.“ Jeremia 8,23

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