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Dugri - positiv wie negativ - Der deutsche Kibbutz
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Dugri – positiv wie negativ

Nicht alle Israelis sind für den diplomatischen Dienst geboren… Aber an ihre direkte und unverblümte Art gewöhnt man sich schnell.

Ich weiß es sehr zu schätzen, dass offen und ehrlich gesagt wird, was man denkt. Ob es – wie in den meisten Fällen – überschwängliche Begeisterung ist oder Kritik. Es wird gerade heraus (hebräisch: dugri) gesagt.

Ein kleines Beispiel: Als ich den Ulpan (Hebräisch-Sprachkurs) gemacht habe und noch ziemlich am Anfang stand, wurden meine Sprachkenntnisse bei jeder Gelegenheit über den grünen Klee gelobt. Das Sprachniveau wurde meinem angepasst, auch wenn ich den Witz fünf mal hören musste, bis ich mitlachen konnte. Wenn ich Fehler machte, bekam ich das auch sehr direkt gesagt – die Korrektur gleich mit dazu. Aber man hat mir immer das Gefühl vermittelt, dass es wunderbar ist, wie ich spreche. Kritik erfolgt offen, aber so gut wie nie verletzend.

Israelis sind es gewohnt, mit schweren Situationen umzugehen und werden nicht so schnell aus der Bahn geworfen – zumindest zeigen sie es nicht. Diese Einstellung setzen sie unbewusst auch bei Menschen aus anderen Ländern voraus. Ob die mit der direkten Art umgehen können oder nicht – ist erstmal egal.

Als ich vor einigen Jahren einem guten Freund seine beim letzten Besuch gemachten Porträtfotos vorbeibringen wollte, besuchte ich ihn an seinem Arbeitsplatz, dem Aussichtsturm am Frishman-Beach in Tel Aviv. Tomer lud mich ein, kurz zu bleiben und stellte mich seinen Lifeguard-Kollegen als Freundin aus Deutschland vor. Sie musterten mich unverhohlen. Einer verzog sich direkt nach draußen, der zweite sagte erstmal nichts und der dritte sagte mir ins Gesicht, dass er mit Deutschen nichts zu tun haben will. Das saß. Er ignorierte mich vollkommen. Tomer ließ sich nicht beirren und plauderte munter drauf los. Irgendwann siegte bei seinem Kollegen wohl doch die Neugierde und er beteiligte sich am Gespräch. Nachdem er mir seine halbe Familiengeschichte erzählt hatte, von den Verwandten, die den Holocaust nicht überlebt hatten, konnte ich seine ablehnende Haltung nachvollziehen. Nichtsdestotrotz war er aber froh, dass er zumindest mit mir ein normales Gespräch führen konnte und seine Bedenken ernst genommen wurden. Er sah ein, dass die Deutschen von heute nicht mit den Nazis von damals in einen Topf geworfen werden können und versprach mir, sich genauer zu informieren. Als kleine Geste der Entschuldigung für seine anfänglich harsche Ablehnung besorgte er mir ein Eis – ganz Sabre halt – außen stachlig, innen süß.

Dugri – das sind Israelis auch bei Hilfsangeboten. Bereits nach kurzen Gesprächen im Café wurde mir mehrmals angeboten, mich zu melden, wenn ich eine Übernachtungsmöglichkeit brauche. Sei es in der eigenen Wohnung oder bei Verwandten in einer anderen Stadt. Hoteltipps kann ich deswegen für Israel nicht geben – außer einem, als ich es mir mal als Luxus gegönnt habe, mehr dazu aber in einem späteren Post.

Dugri äußert sich in vielen alltäglichen Situationen. Sei es beim Shopping, wenn die Verkäuferin nicht flötet, wie gut einem das Teil doch steht, sondern ehrlich sagt, dass es unvorteilhaft ist. Sei es bei Diskussionen über politische oder andere Themen – die Meinung wird klar kommuniziert.

Ich habe mir oft überlegt, woran das liegt. Vielleicht am fehlenden „Sie“ in der hebräischen Sprache, was viel Distanz nimmt. Vielleicht am offenen Gemüt der Südländer. Vielleicht an den Erfahrungen aus der Vergangenheit, die sie gelehrt haben, dass Schweigen oder Ja-Sagen nichts bringt. Vielleicht das schnelle Leben in Israel – keine Zeit für langes um den heißen Brei reden… Egal – ich mag’s dugri!

 

 

Brigitta Stegherr
Brigitta Stegherr