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Auslandssemester in Haifa, Israel - Der deutsche Kibbutz
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Auslandssemester in Haifa, Israel

Auslandssemester in Israel!? Der muss doch verrückt sein. Viel zu gefährlich! Und gibt es nicht große Vorbehalte der jüdischen Israelis gegenüber Deutschen? Solche und ähnliche Fragen und Reaktionen prasselten auf mich ein, als ich anderen von meinen Plänen berichtete. Ich hatte Israel bereits mehrmals bereist und wusste daher, dass es auch dort einen Alltag gibt. Trotzdem war ich neugierig. Wie würde es sein, dort für ein paar Monate zu leben? Womit würden mich meine Kommilitonen konfrontieren? Wie sieht eigentlich das alltägliche Leben im Westjordanland aus? Probieren geht über Studieren – gesagt getan. So kam ich Ende Februar 2010 von minus zehn Grad in München nach Tel Aviv bei 25 Grad. Kurz darauf saß ich neben einer aufgeregten Amerikanerin, die noch nie in Israel war, und einem deutschen Politikstudenten im Gemeinschaftstaxi nach Haifa. Das kann ja was werden …

In Haifa ging dann alles recht schnell. Der organisatorische Teil war zügig geklärt: Infomappe des Wohnheims und Wohnungsschlüssel sollten reichen, damit ich mein erstes Wochenende in Israel überleben könnte. Ausnahmsweise fing meine Studienwoche an einem Montag an (normaler Wochenstart ist Sonntag, doch wir hatten nur eine Viertagewoche). Bis auf den Hebräischkurs wurden alle Vorlesungen auf Englisch, meist von amerikanischen Muttersprachlern, angeboten. Allerdings waren wir Internationals meist unter uns, von ein paar israelischen Masterstudenten abgesehen. Trotzdem kommt man als Deutscher recht schnell in die Grundstruktur der hebrä-ischen Sprache. Schon interessant, dass die deutsche Sprache mittlerweise Dutzende jiddische beziehungsweise hebräische Ausdrücke absorbiert hat. Ein paar Beispiele:

Ganove von lignov = stehlen, ganavti = ich stahl
Hals- und Beinbruch von Hals und Bein baruch = gesegnet
Guten Rutsch von Guten Rosh (HaShana) = Gutes Neujahr

So viel zum akademischen Teil des Semesters. Um einiges spannender war es, das Land zu erkunden. Es war schön zu erleben, dass man immer ein Team aus bezahlten Tutoren hatte, die Reisen organisierten, Studentenfeiern veranstalteten (beispielsweise Purimparty, das jüdische Pendant zum Karneval) und die Freiwillige rekrutierten für gemeinnützige Aktionen wie Englisch-nachhilfe für Einwanderer aus Afrika. Auch berühmte Ziele, wie zum Beispiel die Jerusalemer Altstadt, konnten mit Führung angefahren werden. Das ist ein Vorteil der, für europäische Verhältnisse, hohen Studiengebühren: Reisen mit dem Unipersonal sind kostenlos. Wo erlebt man es sonst, dass sich Profs die Mühe machen, mit rund 100 Studenten vier Stunden durch die Wüste zu wandern und dann auch noch selber Reis zu kochen? Dass das Unipersonal mit Vornamen angesprochen werden wollte, war ein weiteres Beispiel für die kulturell sehr flachen Hierarchien.

Das Leben auf dem Campus war sehr angenehm, da immer ein israelischer Mitbewohner anwesend war, der einem Dinge erklären konnte, die man nicht verstand (einerseits Hebräisch, andererseits gewisse Verhaltensmuster verschiedener Gruppen der israelischen Gesellschaft). Hart war es allerdings manchmal, zu erfahren, welche Klischees über Deutsche in israelischen Köpfen herumgeistern. Ein Vorurteil ist zum Beispiel, dass wir Deutschen alles, was wir sagen, in lautem Befehlston schreien. Weltkriegsfilme und auch Vorträge von Holocaustüberlebenden, die gängige Parolen im Originalton zitieren, liefern diesem Vorurteil weiterhin Nahrung. Außerdem hatte ich nicht damit gerechnet, dass Deutschland gerade auf junge Israelis eine gewisse Faszination ausübt. Dabei geht es nicht nur um die Vergangenheit (Zitat von meinem Mitbewohner: »Daniel, heute ist ja Holocaustgedenktag. Möchtest du uns nicht ein bisschen davon erzählen, was dein Opa damals gemacht hat?«), sondern auch um die Gegenwart. Besonders Berlin und München sind Städte, die beliebte Reiseziele für Israelis sind. Andersherum war ich überrascht, dass die typisch orientalische Kultur (Shisha rauchen, Kaffeetrinken und Diskutieren) auch bei jüdischen und westlich orientierten Israelis sehr verbreitet ist. Auch mein Vorurteil, die meisten Israelis seien pro-amerikanisch, wurde erschüttert. In einer gemütlichen Shisha-Runde bekam ich auf meine Frage, was denn die anwesenden (überwiegend Jura-) Studenten von Barack Obama hielten, zahllose Tiraden über die Treulosigkeit Amerikas und Beschwerden über die kritische Einstellung Obamas zu hören.

Wer wollte, konnte auch dem Wohnheim entfliehen und sich selbst in der Stadt eine Wohnung suchen. Jedoch haben die meisten das bereut, da das Bussystem der Stadt zwar günstig (circa 1,10 Euro für 70 Minuten freie Fahrt), aber auch sehr langsam ist (circa 50 Minuten vom Strand bis zur Uni). Was andere Lebenshaltungskosten wie Essen angeht, so ist Israel insgesamt etwas teurer als Deutschland. Auf dem Campus kostet eine vollwertige Mahlzeit, einschließlich Getränk, umgerechnet vier Euro. Frühstück und Abendessen muss selbst organisiert werden. Dies bereitet aber keine Probleme, da es einen Minimarkt auf dem Wohnheimgelände gibt und in 20 Busminuten ist man am nächsten Einkaufszentrum. In Sachen Freizeitgestaltungsmöglichkeiten bietet Haifa so ziemlich alles. Von Sportmöglichkeiten (Surfen, Hiking, Klettern), über kulturelle Angebote bis hin zu verschiedensten Ausgehmöglichkeiten ist für jeden was dabei. Was auch nicht ganz unwichtig ist: Haifa ist die israelische Stadt mit den wenigsten Spannungen zwischen Christen, Juden und Moslems.

Natürlich bin ich auch auf eigene Faust losgezogen, um das Land zu erkunden. Meine erste Station war Arad am Toten Meer. Hier gibt es nicht nur Beduinen, sondern auch interessante Ausgrabungsstätten wie Massada und Qumran zu sehen. Neben der geballten Geschichte haben mich auch Orte der religiösen Konzentration, wie zum Beispiel der Tempelberg fasziniert. Es ist schon ungewöhnlich für einen Mitteleuropäer, dass er erst einmal durch eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen muss, wenn er an der Klagemauer beten möchte. Ein weiteres empfehlenswertes Ziel sind die drei touristisch interessantesten Städte des Westjordanlandes: Ramallah, Hebron und Bethlehem. Während des Semesters ist es Austauschstudenten, wie auch israelischen Bürgern, verboten das Westjordanland zu betreten. Nach offiziellem Ende des Semesters kann man jedoch als Europäer das Westjordanland problemlos besuchen. Es war eine besondere Erfahrung, die ich nur empfehlen kann. Allerdings sollte man die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts beachten und nicht unbedingt am Freitag von Jerusalem nach Ramallah aufbrechen, da es freitags regelmäßig zu Unruhen kommt. Einmal im Westjordanland angekommen, ist die Sicherheitslage viel entspannter als erwartet. Es gibt zwar auch Sicherheitskräfte, aber die Kontrollen werden weniger streng durchgeführt. Das heißt, man muss nicht vor jedem Gebäude den Rucksack durchsuchen lassen wie in Israel, sondern Kontrollen werden eher sporadisch durchgeführt. Der Alltag wird auch dort ganz normal gelebt. Durch die Checkpoints kommt man in den arabischen Gemeinschaftstaxen ganz gut, jedoch muss man je nach Sicherheitslage mit Verzögerungen rechnen.

Wieder zurück in Israel ist mir klar geworden, was das Land eigentlich ausmacht. Einerseits ist es eine hohe Intensität in (fast) allen Lebensbereichen wie Technologie, Wirtschaftswachstum und Konflikten. Andererseits sind es Gegensätze, die das Land prägen. Jahrhunderte der Tradition treffen auf eine Hightech-Nation, die politisch oft in die Defensive gedrängt wird. Dennoch strömen Einwanderer nach wie vor in das verheißene Land und bringen ihre eigene Kultur mit. Von euro-päischen Juden, über afrikanische Flüchtlinge und asiatische Wanderarbeiter bis hin zu ameri-kanischen Einwanderern, vereint sich ein buntes Völkergemisch in diesem kleinen Land. Israel – der Orient trifft den modernen Okzident, so lautet mein Fazit.

 

Adaptiert von der Erstfassung für die Studentenzeitung audimax unter:

 

http://www.audimax.de/news-detail/article/auslandssemester-in-israel-01407/

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