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Lebensfreude pur - Davka! - Der deutsche Kibbutz
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Lebensfreude pur – Davka!

Was mich an Israel und seinen Menschen am meisten fasziniert, ist die unendliche Lebensfreude. Trotz der Existenzbedrohung durch die Nachbarstaaten, trotz der innerpolitischen Schwierigkeiten, der Konflikte zwischen orthodoxen und säkularen Juden, zwischen Sepharden und Aschkenasen, trotz all der 1.000 kleinen und großen Probleme – die Lebensfreude, Herzlichkeit, Offenheit lassen sich die Israelis nie nehmen. Hut ab!
Mein Tipp an alle, die zum ersten Mal nach Israel fliegen möchten: Keine Scheu – ran an die Leute. Israelis reden gern und viel und mit jedem. Ihr Englisch ist sehr gut, man kann sich gut verständigen. Nutzen Sie die Chance und öffnen Sie eine der Wundertüten, die jeder Mensch mitbringt.
Bei allen meinen Begegnungen mit den Menschen in Israel hatte ich immer das Gefühl, dass sie zuerst den Menschen sehen, ihm offen begegnen und in ihr Leben einladen. Auch wenn der Sabre manchmal durchscheint, die stachelige Schale öffnet sich sehr schnell und offenbart den süßen Kern.
Beispielhaft möchte ich hier einige dieser Begegnungen schildern. Ich greife dafür in meine Anfänge in Israel zurück, denn wenn ich diese wunderbaren Menschen nicht kennengelernt hätte, wäre es vielleicht bei einem einzigen Besuch geblieben. Über die weiteren Begegnungen berichte ich zukünftig verstärkt in diesem Forum. Aber eine solide Basis muss sein.
Da war zum Beispiel die Clique der Wiener Juden im Kibbutz Gan Shmuel, die den Holocaust überlebt haben. Man könnte meinen, Jossl, Aviva und ihre Freunde hätten kein gesteigertes Bedürfnis, ausgerechnet mit Deutschen zu tun zu haben. Aber davka – sie haben sich gezielt die deutschen Volontäre gesucht, uns zu Kaffee und Kuchen eingeladen, ihre Geschichte erzählt und uns geholfen, wo es ging. Es war mir eine Ehre, vor jedem Flug nach Israel einmal die gesammelte Yellow Press zu kaufen und ihnen mitzubringen. Goldenes Blatt und Co. war genau das Niveau der Sprache, das sie ohne große Anstrengung lesen konnten. Auch Semmelknödel wurden exportiert…
Aviva hat das Warschauer Ghetto und das KZ Majdanek überlebt. Ihre Lebensfreude und ihre Herzensgüte konnten die Nazis nicht brechen. Sie nahm uns mit offenen Armen auf, backte zur Beruhigung Käsekuchen, wenn die schlimmen Erinnerungen mal wieder zu stark wurden und wir durften ihn mit unseren Volontärsfreunden teilen. Sie erzählte wenig, aber wir konnten es fühlen, wie schlimm der Holocaust für sie war. Erst wenige Jahre vor ihrem Tod gab sie der Steven Spielberg Stiftung ein Interview, wie viele weitere Holocaust-Überlebende, um die Erinnerung zu bewahren.
Die Freundschaft zu Avivas Kindern und Enkeln besteht bis heute – sie gehören zur Familie, auch wenn die Kontakte nicht immer regelmäßig gepflegt werden können.
Avivas Freunde Nechama und Mordechai, die direkt unter ihr wohnten, waren dagegen sehr auskunftsfreudig. Mordechai erzählte uns die gesamte Geschichte, zauberte jedes Mal neue Erzählungen hervor, erklärte uns die Hintergründe – machte das Grauen begreifbarer. Nechama fiel uns um den Hals, wann immer sie uns im Kibbutz begegnete. Ihre Liebe und Offenheit reichte für uns alle.
Ein weiterer Freund von Aviva zeigte uns einmal seine eintätowierte Auschwitz-Nummer auf seinem Unterarm, sprach nicht viel mit uns, kannte uns aber aus den Erzählungen der anderen. Irgendwann einmal nahm er mich in den Arm und meinte, ich sei die beste Botschafterin Israels in Deutschland, die er sich vorstellen könne. Das geht mir auch heute noch unter die Haut.
Da war aber auch die alte Dame, die pysisch nicht in der Lage war, mit Deutschen zu reden, deren Sprache versagte, die zu zittern anfing, wenn sie nur daran dachte. Aber: sie hat uns manchmal am Freitag Abend eine Challah vor die Tür unseres Volontärzimmers gelegt. Das war ihre Art, uns zu zeigen, dass sie es gut findet, dass wir jungen Deutschen da sind.
Nicht zu vergessen Ephraim. Als Kind stand er auf Oskar Schindlers Liste und wurde gerettet. Im Kibbutz war er für Brillenreparaturen und die Fahrräder zuständig. Wir konnten mit allen Reparaturen zu ihm kommen – in seiner bis unter die Decke vollgepackten Werkstatt fand er immer den richtigen Schraubenzieher. Ganz persönlich danke ich ihm dafür, dass er mir vor jedem meiner Besuche ein Fahrrad organisiert hat, mit dem ich durch den Kibbutz fahren konnte. Das verkürzte die Wege zu meinen Freunden ungemein.
Kurz – sie sind mir alle ans Herz gewachsen und ich bin dankbar für jeden, den ich kennenlernen durfte.
Dies sind nur einige Beispiele, wie einfach es ist, mit Israelis tiefe Freundschaften aufzubauen, Kontakte zu knüpfen und sich kennenzulernen. Mit den älteren Israelis ist Deutsch oft eine gemeinsame Sprache, aber gerade auch bei den jungen ist Deutschland, insbesondere Berlin mittlerweile sehr beliebt, die Deutschkurse boomen und es ist ein leichtes Thema zum Einstieg in Gespräche.
In diesem Forum werden wir Euch immer wieder von solchen Begegnungen erzählen, von Menschen, die uns beeindrucken, die Israel so liebenswert machen. Freut Euch drauf!
Ihre/Eure Brigitta Stegherr

* davka = hebräisch und bedeutet so viel wie „gerade deswegen“, „trotz“

Brigitta Stegherr
Brigitta Stegherr