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Ein Königreich für Tahina - Der deutsche Kibbutz
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Ein Königreich für Tahina

Das flüssige Gold des Nahen Ostens tropft langsam und behäbig unter dem schweren Mühlstein hervor. Kenner wissen: Je dicker die mittelbraunen Schlieren aus Öl sind, desto höher die Qualität der Sesamkörner: leicht nussig, etwas salzig, so schmeckt es pur. Mit viel Zitrone, etwas Wasser und Petersilie wird es zu einem hellen, cremigen Aufstrich. Oder zum Salatdressing, zur Fleischbeilage, Humus-Geheimzutat und zum schnellen Snack auf Brot oder Pitta. Mit Banane und Dattel ist es ein grandioser Nachtisch. Kurzum: Tahina ist eines der Grundlebensmittel in Israel. Jede Familie hat nicht nur einen der typischen Plastik-Bottiche im Regal, sondern natürlich auch ihr eigenes Tahina-Rezept, schwört auf Knoblauch, Olivenöl, eine Prise Curry oder Paprika. Ob das Rezept nun so heilig ist, dass es unter Ausschluss der Öffentlichkeit von Generation zu Generation weitergegeben wird, darf bezweifelt werden. Denn, so ganz ehrlich gesagt, falsch machen kann man wenig, das dickflüssige Gold braucht wenig, um gut zu schmecken.
Tahina wird aus geröstetem Sesam gewonnen und ist, bei aller Liebe zu der Pampe, mit der mittel- bis dunkelbraunen Farbe keines der appetitlichsten Lebensmittel. Wer es anrührt, muss das Wasser langsam hinzugeben. Sonst erschreckt sich das Sesamkorn und wird nicht geschmeidig, sondern klebt starr an der Schüsselwand. Der Kniff ist, viel frische Zitrone. Zu viel Zitrone geht eigentlich fast gar nicht.
„Den besten Sesam gibt es in Äthiopien und im Sudan“, erzählt Eli vom Tahina-Königreich im Jerusalemer Markt. Seine Familie ist seit 1947 die unangefochtene Sesamkönig-Dynastie in der israelischen Hauptstadt.
Die Sesamkörner werden in dem kleinen Geschäft und in der Produktion nahe des Toten Meeres über Trichter ins Innere der 160 Jahre alten Mühlsteine aus Damaskus gekippt. Nach einer Minute quillt Tahina heraus, im Jerusalemer Laden pro Stunde 80 Kilo. „Es hält ohne Kühlung ein Jahr“, erklärt Eli den Besuchern, die ihre weißen Plastikprobierlöffel wie Schlüssel zur Schatztruhe in der Hand halten.
Die meisten, die Tahina einmal gekostet haben, sind in die Tahina-Falle getappt und kaufen sich für 25 Schekel (circa fünf Euro) ihr eigenes kleines 500 Gramm schweres Tahina-Küchenkönigreich. Im Supermarkt kostet die gleiche Menge zwischen 15 und 18 Schekel (zwischen drei und vier Euro), ist aber oft vorgesalzen, was natürlich und Tahina-Liebhabern verpönt ist. Das braune Gold ist übrigens ziemlich reichhaltig mit 690 Kalorien pro hundert Gramm, aber es strotzt auch vor Omega 3 und 6, Eisen, Kalzium, Vitamin A und Aminosäuren.
Wer sich nun schon so viel mit dem Tahina-Universum beschäftigt hat, sollte zumindest auch gehört haben, wie man es richtig ausspricht: In Hebräisch und Arabisch hört sich Tahina an wie „Tchina“ und auf Deutsch heißt es „Tahini“ – das klingt immerhin ein bisschen exotischer als „Sesampaste“.

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh