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Echtes Leben - Der deutsche Kibbutz
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Echtes Leben

Klar, dass jeder Neuanfang mit Überraschungen aller Art vollgepackt ist. Manche Dinge bleiben jedoch für Zugereiste auch auf Dauer ein Kuriosum und dieses über-sich-und-seine-Umwelt-den-Kopf-schütteln wird in Israel gerade groß und breit diskutiert. Der Anlass war ein Artikel mit ’20 Anzeichen, dass man schon zu lange in Tel Aviv lebt‘. Als persönliche Antwort würde euch gerne ein paar Anekdoten erzählen, die mich im Alltag zum Grinsen, Kopfschütteln oder Erstaunen bringen:
– Toiletten und Toilettenpapier. Wo man in Deutschland im Schnitt Pakete mit acht oder zehn Rollen nach Hause transportiert, hievt man hier – und zwar ohne Ausnahme – Grosslieferungen von mindestens 40 Rollen gen heimisches WC. Kleinere Pakete, etwa für Singlehaushalte, gibt es nicht. Nun hatte ich verschiedene Theorien, warum die Israelis Klopapier nur in Grosspackungen anbieten…große Familien, Angst vor Krieg….aber nein: Toilettenpapier ist nicht nur für den Gebrauch im Stillen Örtchen. Israelis – und das ist kein Witz – haben eine Rolle Klopapier in der Handtasche, falls man sich schneuzen muss. Entsprechend wird man auch nicht nach einem Tempo gefragt, sondern ob man Klopapier dabei hat. Toilettenpapier in grossen Bahnen um den Hals gewickelt ergibt übrigens auch einen 1A Schal…mit Schneuzoption.
– Handys. Israelis legen ihr Mobiltelefon nur sehr ungerne beiseite. Es wird laut telefoniert, dauernd getippt, geslided und gescrolled – es scheint mir oft, dass jeder seine eigene Twitter-Party veranstaltet und auf den Bürgersteigen unzählige Handy-Zombies wanken. Der Sonnenuntergang ist mal wieder besonders schön? Ich sehe ihn beim abendlichen Joggen in gross und echt – und durch 80 kleine Bildschirme.
– Soldaten. In Israel dienen Frauen für zwei Jahre im Militär, Männer für drei Jahre. Entsprechend gewöhnt man sich schnell an junge, uniformierte Menschen mit riesigen Gewehren. Sicherer reisen geht wohl kaum, habe ich mir nach dem ersten mulmigen Gefühl gedacht, als ich die einzige Zivilperson im Bus war und mich zwischen Fenster und Gewehr meiner Sitznachbarin etwas eingeklemmt gefühlt habe. Der Trick im Alltag ist übrigens, sich beim Kartenkauf am besten nicht hinter eine israelische Grossfamilie anzustellen, sondern lieber hinter doppelt soviele Soldaten – die zeigen nämlich nur ihren Militärausweis und reisen kostenlos.
– Rabbi Google. Google Maps und Waze sind nützliche Helferlein, keine Frage, aber wahrlich angekommen fühlt man sich in Tel Aviv, wenn man weiß, wie Google Maps eine Straße schreibt und wie man den Bogen zu den Worten auf dem Straßenschild zieht! Beispielsweise an der Iben Gabirol Strasse (auf google maps Ibn Gavirol) am Rabin Square (Kikar Rabin) oder Kibbutz Galiyot Strasse (auf dem Straßenschild Quibbuz Galuyot) – achso, und die Vorschläge für Alternativsuchen sind für die Tonne.
– Ganz natürlich. Israelis sind so warmherzig, dass es sie nicht kümmert, ob man direkt vom Laufen, also super verschwitzt, mit einer Klorolle in der Hand verschnupft oder vom Reisen noch verstaubt und dreckig ist – man wird so richtig fest umarmt und Ausreden wie „I am smelly“ werden mit „Macht nichts, ich lieb dich auch so“ weggewischt. Leider auch weggewischt muss dann der Schweiß der anderen werden. Allgemeiner Konsens dazu: It’s natural.
– Gesunde Temperatur. Ich habe mich in einem Jahr zweimal leicht erkältet, nicht weil es kalt war, sondern weil die Klimaanlagen zu hoch eingestellt waren. Ja ja, jammern auf hohem Niveau, ich weiß, aber der Körper gewöhnt sich nunmal an über 30 Grad, auch nachts, und dann kommen einem 20 Grad im November am Abend reichlich kühl vor. Die Touristen aus Nordeuropa spazieren in kurzen Hosen mit einem Eiskaffee (Trendsetter: Die neue Kaffeekette Cofix, wo alles nur einen Euro kostet) während ich mit langen Hosen, geschlossenen Schuhen, Strickjacke und voluminösem Schal gerade Lebensmittel für eine heiße Suppe eingekauft habe. (Apropos Winter: Ich werde nie nie nie wieder Witze über das Wetter in Israel machen: Nachdem ich vergangenen Dezember in Jerusalem eingeschneit war und drei Tage ohne Strom bei den Eltern von Bekannten bleiben musste, weil alle Straßen gesperrt waren. Witze über Hitze lasse ich auch bleiben, weil knapp 40 Grad voll toll klingen, wenn man an den Strand kann….nicht aber, wenn man morgens in die Arbeit muss und mit der Haut dauernd auf dem Stuhl festklebt und man seine eigene Schweissflecken-Landkarte auf dem T-Shirt zeichnet)
– Essen und Lebensfreude. Essen in Israel ist super, darüber werde ich bestimmt auch noch mehr schreiben. Meine beste Entdeckung ist bislang Tahina – die hellbraune Pampe gilt als Grundnahrungsmittel und wird einfach zu allem gegessen. Ich weiss auch nicht, warum Hummus im Ausland berühmter ist. Klar gibt es Tahina auch zum Frühstück, das besteht hier neben herzhaften Sachen aus weißem Käse – lustigerweise im Gegensatz zum gelben Käse. Weitere Unterscheidungen? Nur für fancy europäische Sachen….das gilt auch für Müsli. Falls ich wirklich ein deutsches Müsli möchte, kann ich eine mittelgrosse Packung auch für schlappe acht Euro kaufen. Kein Witz, Leben in Israel ist teuer (und im Vergleich sind die israelischen Müslis mit sechs Euro nicht wesentlich günstiger, schmecken aber…nicht richtig.)
Richtig und nicht richtig…was für eine schöne, philosophische Gedankenbrücke. Demnächst dazu mehr.
Eure Jennifer

Jennifer Bligh
Jennifer Bligh